Thomas Postina

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Arzneimittel-Atlas: Argumente gegen falsche Weichenstellungen

3. Oktober 2006 - 19:06 | Thomas Postina

Als das Wissenschaftliche Institut der Ortskrankenkassen anno 1985 zum ersten Mal seinen Arzneiverordnungs-Report (AVR) herausgab, war die pharmazeutische Industrie von dem publizistischen Tsunami überrascht, der Deutschland überrollte. Die Aufarbeitung der Verordnungszahlen eines Jahres brachte eine bis dahin unbekannte, allseits begrüßte Transparenz in den Arzneimittelmarkt.

Die Interpretation der Statistiken aber durch die Wissenschaftler um Professor Ulrich Schwabe und Dr. Dieter Paffrath erzeugte Nachbeben, die bis heute spürbar sind: Es wird zuviel verordnet, es werden massenweise Medikamente mit nicht nachgewiesenem Nutzen verschrieben und die Ärzte lassen sich zur Therapie mit Scheininnovationen verleiten, die teuer sind, aber keinen Zusatznutzen bieten.

Nur diese drei Botschaften schlugen sich in den letzten 20 Jahren als Schlagzeilen in den allgemeinen Medien nieder. Alle Versuche der Arzneimittelverbände und einzelner Hersteller, die oft einseitige, immer zugespitzte Interpretation der Autoren zu entkräften, schlugen fehl. Letztlich hat die Branche die Folgen der jährlichen Pressekonferenzen zur Veröffentlichung des neuesten Arzneiverordnungs-Reports hingenommen wie einen Herbststurm – als ärgerlich, aber unvermeidbar. In diesem aussichtlosen Unterfangen wurden keine weiteren Kräfte verschlissen – auch weil die jährliche Kritik moderater wurde.

Zu den milderen Tönen hat das veränderte Verordnungsverhalten der Ärzte beigetragen. Leitlinien, Qualitätszirkel und wirtschaftlicher Zwang beeinflussen und bestimmen mehr denn je die Medikamentenauswahl. Sie war sicherlich nie rationaler als heute.

Von den drei alten Vorwürfen haben damit zwei an Bedeutung verloren. Nur einer hat sein Gewicht eher noch erhöht: Der Vorwurf, die Ärzte würden zu oft von einem Standardpräparat zu einer Innovation wechseln, die dem Patienten keinen Zusatznutzen bietet, aber Zusatzkosten verursacht.

Als Beleg hierfür gilt die Strukturkomponente, die eben den Wechsel zwischen den Präparaten und Packungsgrößen abbildet. Eine wachsende Strukturkomponente gilt Kritikern bis heute als Beleg dafür, dass es der Arzneimittelindustrie immer wieder gelingt, sich durch patentgeschützte, bislang nicht durch Erstattungshöchstgrenzen bedrohte Scheininnovationen hohe Renditen zu sichern.

Dieser Denkansatz, der Arzneimittelinnovationen pauschal desavouiert, droht zu einer Gefahr für die Qualität der Arzneimitteltherapie zu werden. Verzichtet der Arzt nämlich, um jeder Diskussion zu entgehen, blind auf den Einsatz neuer Medikamente, wo sie eigentlich sinnvoll wären, verhält er sich keinesfalls rational und stellt damit das auf den beiden anderen Gebieten Erreichte in Frage. Dass die Pauschalverdächtigung von Arznei-Innovationen natürlich auch Auswirkungen auf die Bereitschaft der pharmazeutischen Industrie hat, Forschungsrisiken einzugehen, liegt auf der Hand.

Um zu verhindern, dass Mythen um Strukturkomponente und Scheininnovationen zu einer verhängnisvollen Weichenstellung im deutschen Gesundheitswesen führen, hat der Verband forschender Arzneimittelhersteller eine Studie des Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES) unterstützt. Es untersuchte, ob die Ansätze des Arzneiverordnungs-Reports nach über 20 Jahren noch relevant sind und ob sie je richtig waren. Die Autoren dieses „Arzneimittel-Atlas“ um Professor Bertram Häussler heben zwar die Verdienste des AVR hervor, der mit seinen Zahlen eine wichtige Rolle für die Gestaltung des Gesundheitswesens gespielt hat. Sie sind andererseits jedoch auf eine Reihe methodischer Probleme gestoßen, die Ursache für eine fehlerhafte Interpretation der Strukturkomponente sind.

Betrachtet der AVR bei der Strukturkomponente den gesamten Arzneimittelmarkt, werden die Strukturveränderungen beim Arzneimittel-Atlas indikationsbezogen betrachtet, weshalb medizinisch unsinnige Substitutionen eliminiert werden. Außerdem betrachtet die IGES-Gruppe die Mengenveränderungen differenzierter: Sie zählt die verordneten Tagesdosen, nicht die Zahl der Verordnungen.

Dadurch kommt der Arzneimittel-Atlas zu folgendem Ergebnis: Die Zunahme des Verbrauchs im Jahre 2005 geht im Wesentlichen auf einen gestiegenen Bedarf zurück. Mehrumsätze durch die Verschiebung zwischen therapeutischen Ansätzen sind meist durch die Befolgung von Leitlinien und medizinischen Empfehlungen bedingt, aber auch dadurch, dass sich durch den Einsatz neuer Arzneimittel zusätzliche Behandlungschancen ergeben. Verschiebungen zwischen eng verwandten Medikamenten, den so genannten Analogpräparaten, dienten meist der Verbesserung der Therapie. Mit seinen Berechnungen widerlegt der Arzneimittel-Atlas die Behauptung, Analogpräparate oder Scheininnovationen seien die Ausgabentreiber im Gesundheitswesen.

Diese Botschaft hört nicht nur der VFA gerne. Sie wird auch von der Ärzteschaft mit gewisser Erleichterung aufgenommen. Sie entlastet auch die Ärzte von Kritik, allzu schnell den Empfehlungen interessierter Pharmaberater zu folgen.

Dass die Kernbotschaft des Arzneimittel-Atlas nicht nur den Erwartungen seines Finanziers geschuldet ist und nicht als Zweckgutachten abgetan werden kann, dafür hat IGES vernünftigerweise gesorgt. In dem Projekt begleitenden Beirat sitzen Fachleute wie Wolfgang Schmeick von den Betriebskrankenkassen, der ABDA-Hauptgeschäftsführer Dr. Hans-Jürgen Seitz, Prof. Christoph Fuchs von der Bundesärztekammer und Dr. Jürgen Bausch, der sich im Gemeinsamen Bundesausschuss um die Arzneimittelversorgung kümmert. Viele dieser Institutionen sind auch beim „Arzneiverordnungs-Report“ beratend dabei.

Der Arzneimittel-Atlas hilft zwar dem niedergelassenen Arzt – wie im übrigen auch der Arzneiverordnungs-Report - nicht bei seinen täglichen Therapieentscheidungen. Sein Einfluss in der gesundheitspolitischen Debatte dürfte aber die Entscheidungsfreiheit in therapeutischen Fragen indirekt vergrößern. Denn der Atlas ist ein Beitrag zur Versachlichung der Diskussion um das Verordnungsverhalten. 21 Jahre nach dem ersten AVR kommt der Arzneimittel-Atlas zwar spät, aber vielleicht noch rechtzeitig, um falsche Weichenstellungen in der aktuellen Gesundheitsreform zu verhindern.

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