Thomas Postina

Thomas Postina, Geschäftsführer von PPR, bloggt über eines der spannendsten Themen unserer Gesellschaft: das Gesundheitswesen.

Telefon: +49 (0)6257 / 50799-0
E-Mail: office@postina-pr.de

Key-Visual

Arzneimittelverordnungen: Gebremster Sturm

4. September 2008 - 19:46 | Thomas Postina

Der Herbst hat für die pharmazeutische Industrie seinen Schrecken verloren. Bis vor zwei Jahren fegte spätestens im Oktober ein frostiger Sturm durch den Blätterwald, angefacht durch den Arzneiverordnungs-Report. Seit 1984 erklärte dieses, vom Wissenschaftlichen Institut der Ortskrankenkassen herausgegebene Kompendium der empörten Öffentlichkeit, wie Kassen und Beitragszahler geschröpft werden durch eine Pharma-Industrie, die nur ans Geld denkt und unsinnige Arzneimittel auf den Markt wirft sowie durch Ärzte, die diese Mittel auch noch unkritisch verordnen. Jedes Mal kamen Milliardensummen zusammen, die man bei rationalem Umgang mit Medikamenten hätte sparen können. Das wird auch in diesem Jahr so sein, doch mit einem kleinen Unterschied: Die Wirkung ist nicht mehr dieselbe. Vom Sturm blieb ein Lüftchen.

Seit drei Jahren nämlich kann die Arzneimittelindustrie dem Kassenreport etwas entgegen setzen: Den Arzneimittel-Atlas. Der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) hat es zwanzig Jahre nach dem ersten Erscheinen des Arzneiverordnungs-Reports auf sich und vermutlich viel Geld in die Hand genommen, um die Deutungshoheit der Krankenkassen über die Ausgabenentwicklung bei Arzneimitteln endlich zu beenden. Schon zum dritten Mal in Folge konnte Professor Bertram Häussler Ende August den von seinem IGES-Institut erarbeiteten Arzneimittel-Atlas vorlegen und das Geschehen auf dem Arzneimittelmarkt fakten- und zahlengestützt erläutern. Damit kommt auch der voreingenommenste Politiker und der kritischste Journalist, will er seinem Ethos treu bleiben, nicht umhin, die unterschiedlichen Interpretationen der Ausgabenentwicklung gegen einander abzuwägen.

Dass auch damit bösartige Kommentare nicht ganz zu vermeiden sind, zeigt die Bewertung des „Neuen Deutschland“. Besonders übel hatte die „Sozialistische Tageszeitung“ einen interessanten Vergleich zwischen der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg und der von Mecklenburg-Vorpommern genommen. IGES hatte dabei den Verbrauch bestimmter Arzneimittel untersucht und dabei überraschende Parallelen zu sozio-demografischen Daten gefunden.

Beim Pro-Kopf-Verbrauch von Lipidsenkern und Blutdruck senkenden Mitteln ist Mecklenburg-Vorpommern Spitze. Während in der KV Hamburg im Jahr 2007 knapp 140 Tagesdosen Antihypertensiva pro Patient verordnet wurden, waren es in der KV Mecklenburg-Vorpommern knapp 240 Tagesdosen. Ähnlich das Bild bei Lipidsenkern: Während es in Hamburg gut 30 Tagesdosen waren lag die Verordnung in Mecklenburg-Vorpommern bei gut 50.

Diese gravierenden Unterschiede führt IGES auf zwei Ursachen zurück, die beim Namen zu nennen als politisch unkorrekt gilt: Fettleibigkeit und Arbeitslosigkeit. So ist der Anteil der Einwohner, die einen Bodymass-Index von mehr als 30 aufweisen, in Mecklenburg-Vorpommern mit gut 17 Prozent knapp doppelt so hoch wie in Hamburg. Auch die Arbeitslosigkeit ist in diesem ostdeutschen Küstenland deutlich größer als in der Hansestadt. Und da Arbeitslosigkeit die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigt, die unter anderem mit Lipidsenkern behandelt werden, sieht Häussler hier einen zwingenden Zusammenhang.

Das IGES-Institut untersucht nicht nur die regionalen Ausgabenunterschiede, sondern auch die Differenzen zwischen den einzelnen Kassenarten, deren Pro-Kopf-Ausgaben erheblich schwanken können. Während die Innungskrankenkassen im Jahr 2007 pro Versicherten im Durchschnitt 270 Euro für Medikamente ausgaben, waren es bei einem Versicherten der Knappschaft 615 Euro. Der unterschwellig erhobene Vorwurf, bei den einzelnen Kassenarten herrsche ein unterschiedliches Niveau der Wirtschaftlichkeit, entkräftet das IGES. Stattdessen führt es die Unterschiede, wie auch im regionalen Vergleich der Verordnungszahlen auf Morbiditäts- und Altersunterschiede zurück. So kommen die Versicherten der Knappschaft auf ein Durchschnittsalter von knapp 60 Jahren, während der durchschnittliche IKK-Versicherte gerade einmal 37,6 Jahre alt ist – je nach Standpunkt ein schlagendes Argument für einen morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich oder eine Einheitsversicherung.

Diese Erklärung untermauert auch eine andere wichtige Aussage des Arzneimittel-Atlas: dass die Ausgabenentwicklung dem Arzneimittelverbrauch folgt. Im Jahr 2007 verordneten die Ärzte in Deutschland mit 35 Milliarden Tagesdosen 5,8 Prozent mehr Medikamente als im Jahr 2006. Die Ausgabensteigerung lag bei 6,4 Prozent. Damit bestätigt sich ein langjähriger Trend: Über die Jahre ist der Verbrauch von Medikamenten etwa im selben Umfang gestiegen wie die Kosten. Von 2004 bis 2007 legte der Verbrauch um 17,1 Prozent zu, während die Ausgaben der Kassen um 17,6 Prozent stiegen.

Dieser fast identische Kurvenverlauf entkräftet die Vorwürfe, Preiserhöhungen oder Innovationen trieben die Kosten in die Höhe. Häussler betonte bei der Vorstellung des Arzneimittel-Atlas in Berlin, dass die Arzneimittelpreise im vergangenen Jahr nur wegen der Mehrwertsteueranhebung gestiegen sind. Ohne diesen Sondereffekt wären sie – wie in den zurückliegenden Jahren auch - gefallen. Auch für die Unterstellung, die Innovationen, die bewährte Medikamente ersetzen, trieben die Ausgaben, lässt sich im Arzneimittel-Atlas kein Beleg finden. Ihr Anteil an den Ausgabensteigerungen ist auf 266 Millionen Euro zurückgegangen, bei Gesamtkosten von 27,8 Milliarden Euro.

Zu zwei Dritteln sind die Ausgabensteigerungen – so resümiert das IGES-Institut – auf den erhöhten Verbrauch zurück zu führen. Und diese Verbrauchsteigerung hat nichts mit industriehörigen Ärzten zu tun, sondern mit besseren Behandlungsmöglichkeiten. Bei zahlreichen Krankheiten sei die Steigerung des Verbrauchs zu begrüßen, betonte Häussler in Berlin, da sie die Versorgung der Bevölkerung deutlich verbessere. Als Beispiel nannte er die Herz-Kreislauf-Erkrankungen, deren Sterblichkeit binnen vierzig Jahren mehr als halbiert werden konnte.

Der Vorteil des Arzneimittel-Atlas liegt darin, dass er nicht nur Verordnungszahlen analysiert, sondern dass er zu ergründen sucht, worauf Verschiebungen und Therapieveränderungen zurückzuführen sind. Für 95 Indikationsgebiete legt er dies nun regelmäßig vor und entzieht sie damit einer populistisch-politischen Interpretation. Das ändert zwar an der Problematik steigender Arzneimittelausgaben nichts, verhindert aber hoffentlich unbegründete, irrationale politische Weichenstellungen in der Arzneimittelversorgung.

Kommentare

Ihr Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse ist nicht öffentlich sichtbar.
  • Zeilen und Absätze werden automatisch erzeugt.

Weitere Informationen über Formatierungsoptionen

CAPTCHA
Bitte lösen Sie die folgende Rechenaufgabe und geben Sie das Ergebnis in das Feld ein.
5 + 1 =
Das einfache mathematische Problem ist zu lösen und das Ergebnis einzugeben. Z.B. muss für 1+3 der Wert 4 eingegebene werden.

Meta

Copyright

© POSTINA PUBLIC RELATIONS GmbH