Thomas Postina

Thomas Postina, Geschäftsführer von PPR, bloggt über eines der spannendsten Themen unserer Gesellschaft: das Gesundheitswesen.

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Ende der Preisgestaltungsfreiheit naht

14. Juli 2010 - 15:40 | Thomas Postina

Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen für Arzneimittel sind im vergangenen Jahr um 1,5 Milliarden Euro auf 30,7 Milliarden Euro gewachsen. Das ist ein Plus von 5,2 Prozent. Woran das liegt, darüber wollen in Berlin die üblichen Interpreten die Deutungshoheit gewinnen: Die Krankenkasse Barmer-GEK, der Verband forschender Arzneimittelhersteller (VFA) und das Wissenschaftliche Institut der Ortskrankenkassen (WIdO) legen Jahr um Jahr ihren „Arzneimittel-Report“, ihren „Arzneimittel-Atlas“ oder ihren „Arznei-Verordnungsreport“ vor. Sie wissen genau um das politische Gewicht solcher Analysen, die in diesem Jahr besonders schwer wiegen. Immerhin hat das Bundeskabinett das Gesetzgebungsverfahren zum Arzneimittelneuordnungsgesetz in Gang gesetzt.

Das Gesetz wird erhebliche Veränderungen insbesondere für die forschenden Unternehmen bringen. Die Zeiten neigen sich dem Ende zu, in denen die Arzneimittelhersteller den Preis ihrer Innovationen nach eigenem Gutdünken festsetzen konnten. Dieses Privileg, das Sinn und Zweck jeden Patentes ist und in anderen Branchen keinerlei Murren auslösen würde, ist seit Jahren das argumentative Bermuda-Dreieck der Branche. Bleibt es bei der bisherigen Fassung des Gesetzes, dann wird die Schonfrist künftig auf das erste Jahr nach dem Markteintritt begrenzt.

Manch einem in Politik und Krankenkassen geht diese Einschränkung nicht weit genug. Den Anfang machte die Barmer-GEK, die Anfang Juni ihren Arzneimittel-Report vorstellte und auf die Steigerungsraten der 20 ausgabenstärksten Medikamente verwies. Sie liegt nach ihren Erkenntnissen zwischen zwölf und 25 Prozent.

Von den rund 3,7 Milliarden, die die Barmer-GEK für Medikamente ausgibt, entfalle rund ein Fünftel auf die Top-20-Präparate. Auf Platz 1 und 2 finden sich zwei innovative Rheumamittel mit Ausgabensprüngen um 20 bis 25 Prozent. Auf Platz 3 bis 5 liegen Präparate gegen Multiple Sklerose mit einem Ausgabenanstieg um 12 bis 24 Prozent, verkündet Kassenchef Dr. Rolf-Ulrich Schlenker. Und er vergisst auch nicht die Jahrestherapiekosten zu erwähnen, die zwischen 16.000 und 40.000 Euro liegen. Es fehlt auch nicht der Hinweis, dass ein bestimmtes Krebsmittel in Großbritannien 1000 Euro billiger zu haben ist als hierzulande. Sein Fazit: Abermals sind es die Spezialpräparate im Hochpreissegment, die für die Ausgabendynamik sorgen.

Gegen diese pauschale Bewertung wehrt sich der VFA mit seinem „Arzneimittel-Atlas“, der nun zum fünften Mal vom IGES-Institut erarbeitet worden ist. Dass der Presse Ende Juni eilig nur ein Manuskript vorgestellt und nicht auf das für Ende August angekündigte Buch gewartet wurde, zeigt, dass der VFA offenbar noch hofft, mit relativierenden Fakten mäßigenden Einfluss auf das Gesetzgebungsverfahren ausüben zu können.

Zwar kommt auch IGES-Chef Professor Bertram Häussler am Grundproblem, der Ausgabendynamik insbesondere der innovativen Präparate, nicht vorbei. Allerdings analysiert er die vorliegenden Marktzahlen tiefer und kommt damit zu erhellenden Erkenntnissen, die nicht so recht zum aktuellen politischen Mainstream passen wollen.

Während die Kassenseite gerne die Perspektive auf die Preise verengt, lenkt Häussler den Blick auf den Verbrauch. Der nämlich ist deutlich gewachsen, nicht zuletzt, weil sich neue Therapieansätze bei den Ärzten zum Wohle der Patienten durchsetzen. IGES hat dazu die Komponenten des Ausgabenwachstums untersucht: Demnach trägt allein die Mengenzunahme mit 1,1 Milliarden Euro zu den Zusatzkosten von 1,5 Milliarden bei. Die eigentliche Innovationskomponente, also neue Wirkstoffe, führen zu einer Mehrbelastung von 400 Millionen Euro. Das ist zwar keine Kleinigkeit, aber längst nicht so dominierend wie gerne behauptet wird.

Auch die Preisentwicklung spielt – wie in der Vergangenheit schon – kaum eine Rolle. Zwar stiegen die Preise – über alle Medikamente gerechnet – nach Jahren des Rückgangs erstmals wieder leicht an. Die zusätzlichen 200 Millionen werden jedoch locker durch Einsparungen, etwa die verstärkte Verordnung von Generika oder größeren Packungen, die letzten Endes billiger kommen, mehr als wettgemacht.

Die forschende Pharma-Industrie hat also Grund genug, selbstbewusst und gelassen auf diese Studienergebnisse zu verweisen. Doch helfen wird ihr das nicht.

Dies liegt zum einen an der politischen pharmaskeptischen Grundstimmung, zum anderen an den unterschiedlichen Ansätzen, die die kassenfinanzierten Studien einerseits und der industriefinanzierte Arzneimittel-Atlas andererseits verfolgen: Die Kassen verbinden jede Verbrauchssteigerung sofort mit Fragen nach dem therapeutischen Wert innovativer Arzneimittel sowie deren medizinisch gerechtfertigter Verordnung. Fragen, die sie beide häufig verneinen. IGES stellt den Nutzen der Präparate von vornherein nicht in Frage, sondern analysiert nüchtern die Komponenten der Entwicklung. Auf diese Weise argumentieren Kassen und Industrie seit Jahren unvermeidlich aneinander vorbei.

Dieses Dilemma lässt sich vermutlich nie ganz auflösen. Dennoch bietet die jetzt geplante kurzfristige Nutzenbewertung neuer Medikamente einerseits sowie die Option, binnen gewisser Fristen deren Erstattungspreis mit den Kassen auszuhandeln, bei aller begründeten Skepsis – noch fehlen die Kriterien für die Schnellbewertung und das nötige Personal – auch Chancen.

Gelänge es nämlich, einen Minimalkonsens über den Wert einer Arzneiinnovation zwischen Kassen, Ärzteschaft und Pharma-Industrie herzustellen, dann könnten die Kassen auch Preisforderungen der Industrie nicht mehr pauschal als überzogen abschmettern. Dies würde die Verhandlung über einen angemessenen Erstattungspreis erleichtern sowie die Diskussion um Kostensteigerungen von Arzneimitteln von alleine versachlichen.

Den Autoren des „Barmer-GEK Arzneimittelreports“ sowie des „Arznei-Verordnungsreports“ würde der Wind aus den Segeln genommen. Ihnen war es in der Vergangenheit immer wieder gelungen, den Eindruck zu vermitteln, die finanziellen Probleme des Gesundheitswesens seien im Wesentlichen von den Arzneimittelherstellern verursacht. Einen Eindruck, den die Politik auch jetzt, wo die Krankenkassenbeiträge wieder auf 15,5 Prozent des Einkommens angehoben werden, gerne zur eigenen Entlastung verstärkt.

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