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Thomas Postina
Thomas Postina, Geschäftsführer von PPR, bloggt über eines der spannendsten Themen unserer Gesellschaft: das Gesundheitswesen.
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Grün ist die Hoffnung
1. März 2009 - 12:49 | Thomas Postina
Am 31. Dezember 2003 nachts um zwölf war die Welt noch in Ordnung: Die Ärzte konnten alle Medikamente verschreiben, die sie für sinnvoll hielten, und die Krankenkassen zahlten dafür, ob die Arzneimittel nun rezeptpflichtig waren oder nicht. Seit 1. Januar 2004, Glockenschlag Mitternacht, ist es damit vorbei. Rezeptfreie Arzneimittel gibt es nur noch in Ausnahmefällen auf Kassenkosten – mit dramatischen Folgen.
Verglichen mit dem Jahr 2003 konnten die Hersteller von rezeptfreien und freiverkäuflichen Arzneimitteln statt 914 Millionen Packungen gerade noch 736,9 Millionen verkaufen, was einem Minus von 19,4 Prozent entspricht. Parallel dazu verringerte sich der Umsatz. Er sank binnen fünf Jahren um 20 Prozent von 7,07 Milliarden Euro auf 5,65 Milliarden im Jahr 2008. Den 1,52 Milliarden Euro, die den Herstellern im Erstattungsgeschäft im Vergleich zu 2003 fehlen, stehen gerade einmal 100 Millionen zusätzlicher Einnahmen im eigentlichen Selbstmedikationsmarkt gegenüber.
Die Entscheidung des Bundestags, mit dem GKV-Modernisierungsgesetz die rezeptfreien Arzneimittel aus der Erstattung zu nehmen, hat offensichtlich mehr bewirkt als die erzwungene Zurückhaltung der Ärzte: Sie verursachte einen gravierenden Imageschaden. Die Bevölkerung empfand die Entscheidung nicht als Sparmaßnahme zur Entlastung der gesetzlichen Krankenkasse, sondern offensichtlich als Misstrauenserklärung gegenüber rezeptfreien Medikamenten und vermutet bis heute offenbar fälschlich eine geringe Wirksamkeit sowie zweifelhaften Nutzen dieser Präparate. Auch der Doktor, auf dessen Rat der Patient baute, fiel plötzlich als Gewährsinstanz weg.
Spätestens jetzt ist auch dem letzten Optimisten klar, dass die Hoffnung trog, die Menschen würden Medikamente, die die Kasse nicht zahlt, dann eben selber kaufen. An dieser Fehleinschätzung hat bisher auch das 2004 neu geschaffene Grüne Rezept für rezeptfreie Arzneimittel wenig geändert. Dieses Verordnungsblatt, auf dem der behandelnde Arzt seine Arznei-Empfehlung vermerken kann, führt ein Schattendasein und nicht zu einer spürbaren Belebung des OTC-Geschäfts.
Dies soll sich nun ändern. Der Bundesverband der Arzneimittelhersteller (BAH), der ursprünglich als Interessenvertretung der OTC-Hersteller gegründet worden war und sich diesem Marktsegment daher noch immer besonders verpflichtet fühlt, hat das Heft des Handelns an sich gerissen. Er setzt entschlossen auf das Grüne Rezept. Derzeit wirbt er intensiv beim Arzt für dessen Nutzung des Grünen Rezepts und erfreut sich dabei der Unterstützung der „Ärzte-Zeitung“.
Im Rahmen seiner Berichterstattung hat das Blatt eine Leserbefragung durchgeführt, die Interessantes zu rezeptfreien Arzneimitteln einerseits wie zum Grünen Rezept andererseits zu Tage gefördert hat.
So empfinden immerhin 60,2 Prozent der Ärzte rezeptfreie Arzneimittel bei vielen Erkrankungen als Therapie der Wahl. 58,6 Prozent der Ärzte sind der Auffassung, sie ergänzten das Therapiespektrum sinnvoll. Und immerhin 42,8 Prozent meinen, rezeptfreie Medikamente ermöglichten durch ihr günstiges Nutzen-Risiko-Verhältnis eine indikationsgerechte Behandlung. Schon aus betriebswirtschaftlichen Gründen empfinden viele Ärzte diese Medikamente als sinnvoll: Sie belasten nämlich das Arzneimittelbudget nicht, sagten 45,5 Prozent der Mediziner. Und nur vereinzelt hört man, dass letztlich mit der Empfehlung eines OTC-Präparats eine privatärztliche Leistung zum Nulltarif erbracht werde.
Auch dem Grünen Rezept gewinnen die Ärzte überwiegend positive Seiten ab. Es stärke das Arzt-Patienten-Verhältnis meinen 67,5 Prozent und es sei eine wichtige Merkhilfe für den Patienten, sagen 73,7 Prozent. Als sinnvollen Nebeneffekt empfinden viele Ärzte auch den Überblick auf die Gesamtmedikation eines Patienten, wodurch unerwünschte Wechselwirkungen vermieden werden.
Angesichts dieser positiven Einstellung zu rezeptfreien Arzneimitteln erhebt sich freilich die Frage, warum sich die Ärzte mit der Empfehlung rezeptfreier Arzneimittel so schwer tun. Das Geheimnis wurde vor gut einem Jahr auf der Mitgliederversammlung des BAH gelüftet. Damals stellt das Meinungsforschungsinstitut TNS Healthcare die Ergebnisse einer Ärztebefragung vor, laut der immerhin 52 Prozent der Ärzte angaben, den Patienten die Arzneimittelkosten und sich lange Diskussionen ersparen zu wollen.
Ob diese Haltung klug und die Annahme, die Patienten wollten oder könnten nicht zahlen, richtig ist, bleibt jedoch die Frage. Ende letzten Jahres hat das gleiche Institut im Auftrag des Verbands der Diagnostica-Industrie eine Bevölkerungsbefragung zur Akzeptanz medizinischer Selbstzahlerleistungen mit einem überraschenden Ergebnis vorgelegt. Die Zahlungsbereitschaft hing damit nicht vom verfügbaren Einkommen ab. Sie war in allen Einkommensgruppen gleich hoch. Möglicherweise lohnt es sich, diese Befragung in Hinblick auf Medikamente zu wiederholen.
Immerhin sind rezeptfreie Medikamente in aller Regel preisgünstig und vor allem nicht mit dem Apothekenaufschlag von 8,10 Euro belastet, der für verschreibungspflichtige Medikamente gilt. Damit dürfte der Apothekenverkaufspreis eines rezeptfreien Medikaments vielfach deutlich unter den Zuzahlungen liegen, die der Patient für rezeptpflichtige Medikamente aufwenden muss, auf die die Ärzte häufig ausweichen.
Diese ärgerliche Substitution preiswerter OTC-Arzneimittel durch verschreibungspflichtige Medikamente, die von vornherein teurer sind, ist das zweite Ärgernis an dieser Einschränkung des GKV-Leistungskatalogs. Damit wird nämlich die Absicht des Gesetzgebers in ihr Gegenteil verkehrt. Statt die Kassen durch den Ausschluss von OTC-Präparaten aus dem Leistungskatalog zu entlasten, steigen deren Arzneimittelausgaben.
Doch wo sind die Verbraucherschützer, Politiker oder gesetzliche Krankenkassen, die den Verbraucher darauf hinweisen? Den Herstellern bleibt gar nichts anderes übrig, als dies selbst in die Hand zu nehmen. Andernfalls besteht keine Aussicht, die negative Entwicklung im OTC-Markt zu stoppen. Der BAH handelt daher mit seiner Kampagne für das Grüne Rezept konsequent und folgerichtig. Grün ist die Hoffnung aller OTC-Hersteller.
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