Thomas Postina

Thomas Postina, Geschäftsführer von PPR, bloggt über eines der spannendsten Themen unserer Gesellschaft: das Gesundheitswesen.

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3. Oktober 2007 - 15:20 | Thomas Postina

„Wer den Hafen nicht kennt, in den er segeln will, für den ist kein Wind ein günstiger“. Dieses Zitat des römischen Philosophen Seneca hat Prof. Fritz Beske mit Bedacht auf die Titelseite der neuesten Studie seines Instituts für Gesundheits-System-Forschung (IGSF) gedruckt. Mit ihr versucht er nämlich nichts Geringeres, als die Situation des Gesundheitswesens im Jahre 2050 zu beschreiben – eine Aufgabe, die, so meint Beske selbst, zum Scheitern verurteilt sein muss, zu der es aber keine Alternative gibt.

Denn wer jetzt Entscheidungen treffen muss, die morgen erst wirksam werden, kommt nicht umhin, auf Basis heutiger Erkenntnisse die möglichen Entwicklungen so weit wie möglich zu erfassen, um dann selbst permanent beobachtend, steuernd und gestaltend auf diese Entwicklung einzuwirken und den sicheren Hafen ansteuern zu können.

Anders als das Orakel von Delphi, zu dem in solchen Fällen die alten Griechen zu wandern pflegten, müssen sich die modernen Wahrsager nicht in Trance versetzen oder einen umflorten Blick in eine gläserne Kugel werfen. Vielfach genügt ihnen ein Studium vorhandener Statistiken. Wer weiß, wie viele Millionen Menschen unter 30 Jahren in Deutschland leben, der kann mit ziemlicher Sicherheit voraussagen, welche Kapazitäten in gut 40 Jahren in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen vorgehalten werden müssen, der erahnt, welche Kosten sie verursachen und wie viel Beitrag der Einzelne entrichten muss – vorausgesetzt, es bleibt alles beim Alten, was natürlich nicht der Fall ist.

Zum einen ergeben sich Entwicklungen, die heute noch niemand kennt, zum anderen greifen Politik und Märkte permanent gestaltend ins Gesundheitswesen ein und beeinflussen es ihrerseits.

Darauf kann auch nicht verzichtet werden. Denn was Professor Beskes IGES-Institut erarbeitet hat, ist geeignet, Pessimisten in die Depression zu treiben. Bliebe die Finanzierung der sozialen Krankenversicherung, wie sie ist, dann müssten die erwerbsfähigen Personen für die Krankenversicherung 77 Prozent und die Pflegeversicherung 240 Prozent mehr aufwenden als heute.

Wesentlicher Faktor ist – nicht verwunderlich und am einfachsten vorhersehbar – die Bevölkerungsentwicklung. Bei sinkender Gesamtbevölkerung wird die Zahl der über 60 Jahre alten Bürger um 67,2 Prozent, die der über 80jährigen um 222,6 Prozent steigen. Im Jahr 2050 werden auf 100 Erwerbstätige knapp 94 Menschen kommen, die nicht im Erwerbsleben stehen.

Mit der Zunahme der Älteren in der Bevölkerung verändert sich auch das Krankheitsgeschehen. Altersbedingte Erkrankungen nehmen exorbitant zu. Die Zahl der Demenzkranken wird um 150 Prozent auf 2,2 Millionen steigen. Die Kosten für ihre Behandlung von sechs auf fast 15 Milliarden Euro.

Die stationäre Behandlung von Kreislauferkrankungen wird sich von 33,3 Milliarden im Jahr 2000 auf 52,2 Milliarden Euro erhöhen.

An Krebs werden jährlich 600.000 Menschen, nicht wie im Jahr 2000 400.000, erkranken. Die Kosten der Krebsbehandlung steigen damit von 14 auf 19 Milliarden. Die Zahl der Typ-2-Diabetiker wird von 3,8 auf fünf Millionen hochschnellen und die Behandlungskosten von 4,8 auf 6,3 Milliarden Euro.

All diese Schätzungen beruhen auf epidemiologischen Daten. Diese Prognosen dürften daher, was die Zahl der Betroffenen angeht, korrekt sein. Bei der Kostenentwicklung jedoch sind Fragezeichen angebracht. Zum einen weiss heute keiner, welche Therapien und Medikamente noch entwickelt werden. Sie können Behandlungskosten entweder erhöhen, aber auch – wenn bisherige Therapien entbehrlich werden - senken. Medizinischer Fortschritt ist in der Beske-Studie nicht berücksichtigt. Aber er kommt und will finanziert werden.

Der Verband Forschender Arzneimittelhersteller hat Anfang Oktober in Berlin eine für die Patienten ermutigende Prognose für das Jahr 2011 abgegeben. Bei immerhin 358 derzeit in der Forschung befindlichen Arzneimittel-Projekten besteht begründete Hoffnung, dass sie binnen vier Jahren völlig neue therapeutische Ansätze zur Behandlung bisher nur schwer therapierbarer Krankheiten bieten werden. Mit 26 Prozent führen Projekte gegen Krebserkrankungen die Rangliste an. Welche finanziellen Auswirkungen die neuen Therapien für die Kostenträger haben, ist derzeit noch offen.

Bei der Kalkulation der Arzneimittelvereinbarung 2008, auf die sich die Kassenärztlichen Vereinigungen und die Spitzenverbände der Krankenkassen im Oktober geeinigt haben, spielen diese Innovationen noch keine Rolle. Die Vertragspartnermussten erneut das Kunststück vollführen, im vorhinein ein Budget festzulegen, mit denen die Ärzte eine bedarfsgerechte Arzneimittelversorgung sicherstellen können. Sie glauben, mit einer Ausgabenteigerung von 4,1 Prozent, was einer Milliarde Euro entspricht, im nächsten Jahr hinzu kommen.

Dies darf bezweifelt werden. Das Institut für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES) hat auf Basis seiner beim „Arzneimittel-Atlas“ angewandten „indikationsdifferenzierenden Methodik“ einen höheren Bedarf ermittelt. Seinen Berechnungen zufolge werden die Arzneimittelkosten um das Doppelte, nämlich um rund 2,2 Milliarden Euro oder 7,9 Prozent steigen. Auf die gesetzlichen Krankenkassen kämen dann Ausgaben von 30,5 Milliarden zu.

Hinter den höheren Kosten stehen gesellschaftlich gewünschte zusätzliche Leistungen: Die Übernahme aller von der Ständigen Impfkommission empfohlenen Impfungen in den GKV-Leistungskatalog kostet die GKV nach IGES-Berechnungen zusätzliche 490 Millionen. Die politisch gewünschte Ausweitung der präventiven Medikation bei chronischen Krankheiten schlägt ebenfalls mit mehreren hundert Millionen zusätzlich zu Buche. Bei Hypertonie sollen es 310 Millionen Euro sein, bei Fettstoffwechselstörungen mit 130 Millionen, bei Diabetes 60 Millionen Euro und die ambulante Behandlung von Krebserkrankungen schlägt sich mit 320 Millionen, die der Rheuma-Medikation mit 200 Millionen Euro zusätzlich in den Bilanzen der Krankenkassen nieder.

Damit bestätigt sich erneut ein Dilemma des Gesundheitswesens und der Politik. Trotz erkennbar knapper Kassen gefallen sich Politiker noch immer darin, den Wählern Geschenke in Form zusätzlicher Leistungen zu machen. Selbst die jüngste Gesundheitsreform, mit denen das System doch auf Effizienz und Wirtschaftlichkeit getrimmt werden sollte, hat allein sechs neue Leistungen gebracht, von denen nicht klar ist, woher das Geld dafür noch kommen soll.

Gerade darum sind solche Studien, wie sie das Beske-Institut regelmäßig vorlegt, wichtig. Sie sind eine Mahnung an die Politik, endlich ehrlich mit dem Wähler umzugehen und ohne Umschweife auf eine unangenehme Wahrheit hinzuweisen: nämlich dass die soziale Krankenversicherung ohne Einschränkungen im persönlichen Bereich kaum eine Zukunftschance hat. Sie sind ein Appell an die Politiker, endlich den Mut aufzubringen, zu definieren, was die Kranken- und die Pflegeversicherung noch absichern können, und wofür der Bürger selbst vorsorgen muss. Ohne Prioritätensetzung bei den Leistungen wird es nicht gehen. Und je länger, diese unangenehme Aufgabe hinausgeschoben wird, desto schwieriger wird sie zu lösen sein.

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