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Thomas Postina
Thomas Postina, Geschäftsführer von PPR, bloggt über eines der spannendsten Themen unserer Gesellschaft: das Gesundheitswesen.
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Arzneimittelausgaben
Die Imagekurve der Pharma-Industrie ist in den letzten Monaten rasant abgestürzt und hat einen seit Jahren nicht mehr gesehenen Tiefpunkt erreicht. Die Medien zeichnen das Bild einer raffgierigen Branche, der jedes Mittel zur Profitoptimierung recht ist.
Den Vogel schoss das ZDF am 10. März ab, dem Tage, an dem das Bundesgesundheits-ministerium die Finanzentwicklung der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) und einen Anstieg der Arzneimittelausgaben pro Versichertem um 5,3 Prozent veröffentlicht hatte. Die Nachrichtenredaktion des Mainzer Senders hievte einen Beitrag ins heute-journal, der nur einen Schluss zuließ: eine Bande Krimineller zieht durch die Lande und plündert Patienten und Krankenkassen aus.
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Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt hat den Mund recht voll genommen. Noch am selben Tag, an dem das Bundeskabinett den einheitlichen Krankenkassenbeitrag fürs nächste Jahr auf 15,5 Prozent festgesetzt hatte, überraschte die Ministerin mit der Versicherung, dieser Satz werde auch 2010 Bestand haben.
Wer das Gerangel um die Beitragshöhe miterlebt hat, der kann sich nur die Augen reiben. Nicht einmal der Schätzerkreis, dem Vertreter des Bundesversicherungsamts, des Gesundheitsministeriums und der Krankenkassen angehören, hatte sich auf eine Empfehlung an das Kabinett einigen können: die Kassenvertreter, die auf 15,8 Prozent beharrten, kämpften auf verlorenem Posten. Die Höhe des Krankenkassenbeitrags stand – darauf deuten viele Aussagen im Vorfeld hin - bereits vor Sitzungsbeginn fest.
Bundestagswahl ist erst im Herbst 2009. Doch schon jetzt beginnen sich die Parteien für den Kampf um Wählerstimmen in Stellung zu bringen. Ausgerechnet die Politiker der Großen Koalition, von deren gemeinsamer Mehrheit im Parlament die Wähler die Lösung der großen Probleme der sozialen Sicherungssysteme erhofft hatten, überbieten sich in der Ankündigung neuer Wohltaten für die Bürger.
Im Fokus: die unteren Einkommensschichten. Sie sollen entlastet werden. Da dies durch Senkung des Eingangssteuersatzes nicht möglich ist - denn immerhin müssen rund zwanzig Prozent aller Bürger schon heute überhaupt keine Lohn- oder Einkommenssteuern entrichten – sind die Sozialabgaben in den Blick geraten. Denn Beiträge an Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung muss jeder Arbeitnehmer zahlen - und sei sein Einkommen noch so gering.
Wer das Image der pharmazeutischen Industrie verbessern will, der braucht eine hohe Frustrationsschwelle. Denn die Vorurteile, gegen die es anzuargumentieren gilt, scheinen tief in das Bewusstsein der Bevölkerung eingraviert zu sein. Es gilt, dicke Bretter zu bohren.
Mitunter gibt es Signale, die Hoffnung machen. Das jüngste Gutachten des Sachverständigenrats für die Beurteilung der Entwicklung im Gesundheitswesen ist so eines: Erstmals scheinen auch die Sachverständigen ihre populistischen Scheuklappen abgelegt zu haben, die bisher ihren Blick auf die Realitäten der Arzneimittelindustrie in Deutschland einschränkten. In ihrem jüngsten Gutachten finden sich Aussagen, die so gar nicht mit den tausendfach wiederholten Argumenten zum Arzneimittelwesen übereinstimmen, die der Bürger den Medien entnimmt und aus Politikermündern hört.
Warum klettern die Arzneimittelausgaben? Fast jeder Zweite kennt den Schuldigen
03 Mär 05
Thomas Postina
Ist es Zufall oder nicht? Seit Heinz-Günter Wolf die ABDA führt, macht sich ein neuer Zungenschlag in den Verlautbarungen der Apothekerspitzenorganisation bemerkbar. Die Apothekerschaft gibt sich gegenüber der Regierung freundlich und gegenüber den Krankenkassen aufgeschlossen.
Im Januar pflegte die ABDA die guten Beziehungen mit dem Hinweis, bei den Arzneimittelausgaben hätte die Gesundheitsreform „gut gewirkt“. Im Februar lobt sie das Ergebnis einer Befragung als Indiz dafür, „dass die Bevölkerung weiß, wie sehr die Apotheker zum Gelingen der Gesundheitsreform beigetragen haben.“
Hinter der offensiven Freundlichkeit steckt Kalkül. Wenn die ABDA ihre eigenständige Rolle behaupten will, muss sie darauf achten, nicht zwischen den übrigen Mitspielern auf dem Arzneimittelmarkt zerrieben zu werden. Dass dabei traditionelle Bündnisse überprüft und notfalls geopfert werden: wen wundert das? Vorbei sind offenbar die Zeiten, in denen Apotheker und pharmazeutische Industrie den Schulterschluss pflegten und ihre Argumentation mit gleichgerichteten Aussagen stützten.
Mit rund 117.000 Mitarbeitern ist die Arzneimittelindustrie als Arbeitgeber ein eher kleines Licht. Die Branche hat immer schon darunter gelitten, dass sie – anders als die Autoproduzenten, die Stahlkocher oder die hoch subventionierten Kohleförderer - niemals ihre Arbeitsplätze in die Waagschale werfen konnten, wenn es um ihre künftigen Rahmenbedingungen ging. Was sind schon 7000 Arbeitsplätze, die zwischen 2003 und 2004 bei den Arzneimittelunternehmen verstreut über die ganze Bundesrepublik und damit völlig unspektakulär verloren gingen, wenn allein in Rüsselsheim oder Bochum 10.000 oder 15.000 Opelaner um ihren Job bangen?