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Thomas Postina
Thomas Postina, Geschäftsführer von PPR, bloggt über eines der spannendsten Themen unserer Gesellschaft: das Gesundheitswesen.
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Festbetrag
Der staunt der Laie und der Fachmann wundert sich: Endlich hört der Gesetzgeber auf den Rat seiner wissenschaftlichen Weisen und führt – was auch die pharmazeutische Industrie immer wünschte - mehr Wettbewerb ins Gesundheitssystem ein. Und nun hält sich die Begeisterung doch sehr in Grenzen. Stein des Anstosses sind die Rabattverträge, die aufgrund von Ausschreibungen zustande kommen.
Der Grund des Ärgers liegt auf der Hand: Einer Fülle von Arzneimittelherstellern steht eine überschaubare Zahl gesetzlicher Krankenkassen mit teilweise erdrückender Marktmacht gegenüber. Die Allgemeinen Ortskrankenkassen allein kommen auf einen Marktanteil von 41 Prozent. Unter diesen Umständen kann von gleichlangen Spießen und fairem Interessenaustausch keine Rede sein. Und dies wird besonders bei den Ausschreibungen zu Rabattverträgen deutlich.
Trotz des anhaltenden Widerstands der Apotheker gegen die Rabattverträge, trotz der Klagen über die Lieferfähigkeit, trotz – oder wegen – der erheblichen Marktanteilsverschiebungen scheinen sich die individuellen Preisvereinbarungen zwischen Arzneimittelherstellern und Krankenkassen zu einer Erfolgsstory für die Krankenkassen und ihre glücklichen Vertragspartner zu mausern. Die Firmen stehen offenbar Schlange, um in der zweiten Runde der AOK-Ausschreibungen dabei zu sein, berichtete Dr. Christopher Hermann, der stellvertretende Chef der AOK-Baden-Württemberg auf der „Pharma Convention“ des Colloquium Pharmaceuticums in Berlin. Auf 450 Millionen Euro pro Jahr schätzt er allein das Einsparvolumen bei den Ortskrankenkassen, von denen 50 Millionen entgangener Zuzahlung abgerechnet werden müssen.
Als das AOK-Sommerfest in Berlin begann und Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt sprach, galt das Inkrafttreten der Gesundheitsreform zum 1. Januar 2007 noch als abgemacht. Doch schon wenige Minuten später machte die Nachricht aus dem Kanzleramt die Runde, die Reform sei um mindestens ein Vierteljahr verschoben. Gründlichkeit vor Schnelligkeit, auf diese Devise hatten sich Kanzlerin und Vizekanzler geeinigt. So überraschend geht es manchmal in der Politik.
Die Entscheidung entsprang jedoch nicht der höheren Einsicht in die Komplexität des Gesundheitswesens – dies würde ja Hoffnung auf Besserung wecken - sondern allenfalls politischer Taktik. Angesichts der heftigen Widerstände in allen Koalitionsparteien gegen die von Ulla Schmidts Ministerium in Gesetzesform gegossene eigenwillige Interpretation der mühselig ausgehandelten Reform-Eckpunkte, ist die Verschiebung nichts anderes als der Versuch, ein allzu frühes Scheitern der Großen Koalition zu verhindern.
Wie stark die Außenwahrnehmung und Innensicht auseinander klaffen können, zeigen die Antworten auf die Frage, welchen Einfluss die Arzneimittelindustrie auf politische Entscheidungen hat. Sie könnten konträrer kaum ausfallen: Bürger, Journalisten und Politiker beklagen öffentlich den erdrückenden Einfluss der Pharma-Industrie, der jegliche sinnvolle Reform unmöglich mache. Die Vertreter der Branche kritisieren intern die geringen Erfolge ihrer Interessenvertretungen. Sie sehen die Arzneimittelhersteller in die Defensive, getrieben von sozial bewegten Politikern, Gutmenschen und Krankenkassen ohne Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge.
Noch nie in der jüngeren Vergangenheit hat sich ein Arzneimittelhersteller so vehement, so deutlich, so entschieden aus dem Fenster gelehnt und in aller Öffentlichkeit gegen halbstaatliche Eingriffe in den Arzneimittelmarkt gewehrt wie Pfizer.
Wie kein Unternehmen zuvor, hat das amerikanische Unternehmen mit dem Vorwurf: „Ab Januar wird gespart. An der Gesundheit von Millionen Herz-Kreislauf-Patienten“ Fachwelt und Öffentlichkeit polarisiert. Kassenärztliche Bundesvereinigung und Krankenkassen wiesen im gemeinsamen Schulterschluss den Vorwurf zurück. Das Bundesgesundheitsministerium sprach von einer ethisch verwerflichen Kampagne. Dagegen unterstützten tausende Ärzte Pfizer bei einer Unterschriften-Aktion.
Was war passiert? Der Gemeinsame Bundesausschuss hatte Pfizers Cholesterinsenker Sortis® in einen Festbetrags-Topf mit den übrigen vier in Deutschland erhältlichen Statinen geworfen. Und die Spitzenverbände der Krankenkassen hatten für diese Jumbogruppe einen Festbetrag fixiert, der 38 Prozent unter dem Pfizer-Preis liegt.