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Thomas Postina
Thomas Postina, Geschäftsführer von PPR, bloggt über eines der spannendsten Themen unserer Gesellschaft: das Gesundheitswesen.
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Philipp Rösler
Bürgerliche Regierungen sind kein Garant für wirtschaftsfreundliche Entscheidungen. Die pharmazeutische Industrie hat dies immer wieder enttäuscht erfahren müssen.
Welches Urteil einmal über die Amtsperiode der FDP-Politiker Rösler und Bahr gefällt wird, das muss sich noch erweisen. Einerseits betont das erstmals unter liberale Leitung stehende Haus endlich die volkswirtschaftliche Bedeutung der Arzneimittel- und Medizinprodukte-Industrie, veranstaltet „Zukunftskonferenzen“ und finanziert das Rahmenprogramm Gesundheitsforschung. Andererseits greift das Ministerium mit seltener Rigidität in den Arzneimittelmarkt ein.
Lange hat es gedauert. Doch so allmählich macht sich in der Politik ein Paradigmenwechsel bemerkbar. Die Gesundheitswirtschaft, insbesondere die Produzenten von Arzneimitteln, Diagnostika und Medizintechnik, werden nicht mehr ausschließlich als die Profiteure des Gesundheitssystems gesehen, sondern als Hoffnungsträger. Mit ihrer Innovationskraft, mit ihrem Know-how sollen sie zum einen dazu beitragen, eine alternde Gesellschaft möglichst gesund zu erhalten und damit die Sozialsysteme zu entlasten. Zum anderen sollen sie sicherstellen, dass Deutschland im internationalen Wettbewerb mit Arzneimitteln und Medizinprodukten weiterhin einen der vorderen Plätze einnimmt.
Symptomatisch für diesen erfreulich veränderten Blickwinkel ist das Rahmenprogramm zur Gesundheitsforschung, das die federführende Bundesforschungsministerin Annette Schavan gemeinsam mit Gesundheitsminister Philipp Rösler jetzt in Berlin vorgestellt hat. Die stolze Summe von fünfeinhalb Milliarden Euro soll in den nächsten vier Jahren in dieses Programm fließen.
Wer in Deutschland das Gesundheitswesen grundlegend umgestalten will, der muss dicke Bretter bohren. Der jetzt in Berlin vorgestellte „MLP Gesundheitsmonitor 2010“ zeigt dies überdeutlich. Er dokumentiert die ambivalente Haltung, die die meisten Deutschen zum Gesundheitssystem haben: Die weitaus meisten Menschen beurteilen das deutsche Gesundheitswesen einerseits als gut bis sehr gut. Sie sind aber andererseits von der Sorge geplagt, die Qualität könne sich verschlechtern. Sie erkennen die zunehmenden finanziellen Zwänge der Gesundheitsversorgung, lehnen aber in ihrer großen Mehrheit sowohl jegliche zusätzliche Belastung wie auch eine Beschränkung der Gesundheitsleistungen rundweg ab.
Angesichts der demographischen Entwicklung, angesichts einer teilweise explosionsartigen Zunahme etwa von Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, kommt einem bislang vernachlässigten Bereich des Gesundheitswesens enorme Bedeutung zu: der Krankheitsvorbeugung und Früherkennung. Um die Gesundheitssysteme finanzierbar zu halten und nicht zu überfordern, führt kein Weg an Prävention vorbei. Denn Krankheiten zu verhindern ist auf Dauer allemal billiger, als sie später zu therapieren.
Obwohl die Belastung der Sozialsysteme durch den Ausbau der Prävention langfristig eingedämmt werden könnte, mündete diese Erkenntnis bislang nicht in politisches Handeln. Zweimal ist die Absicht, ein Präventionsgesetz zu schaffen, nach langwierigen Diskussionen versandet – zunächst in der rot-grünen, dann in der Großen Koalition. Die Vorhaben sind vor allem daran gescheitert, dass durch die Gesetze sie zuviel auf einmal erreicht werden sollte.
Der Bundesgesundheitsminister kann einem Leid tun. Jetzt hat Philipp Rösler der Arzneimittelindustrie die gravierendsten Einschnitte seit Norbert Blüms Festbeträgen verordnet, nämlich die Verkürzung der Preishoheit bei patentgeschützten Präparaten auf ein Jahr nach Markteinführung. Und dennoch muss er sich vorwerfen lassen, er sei der Büttel eines gewieften, mit allen Wassern gewaschenen Industriezweigs.
„Im Auftrag der Industrie“, titelte die „Frankfurter Rundschau“, „Schwarz-Gelb und Pharmalobby kungeln Reform aus“ meldet „Spiegel-online“ und selbst die konservativere „Financial Times“ konstatierte am 10. September „Pharmalobby diktiert Gesetz“. Wenn es doch bloß so wäre. Dann ginge es manchem Verantwortlichen in den Chefetagen der Branche besser.
Innovationen sind nicht umsonst zu haben. Dies wissen die Arzneimittelhersteller, die allein in Deutschland Jahr für Jahr gut fünf Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung stecken. Dies merken die Krankenversicherungen, denen die Ausgabensteigerungen bei innovativen Arzneimitteln ein Dorn im Auge sind, und dies beklagt die Politik, die den Kassen regulatorisch zur Seite springt.
Das Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG) zielt darauf ab, die finanzielle Last der Innovationen für die Krankenkassen zu begrenzen. Es beschränkt die Freiheit des Herstellers, den Preis völlig neuer Medikamente selbst festzulegen, auf ein Jahr. Bis dahin muss er mit dem GKV-Spitzenverband einen Erstattungspreis ausgehandelt haben, andernfalls wird er von einer Schiedsstelle festgesetzt.
Mitte September geht die parlamentarische Sommerpause zu Ende. Die relative Ruhe, die sich in den letzten Wochen auch über die gesundheitspolitische Debatte gelegt hatte, lebt wieder auf. Nachdem das Gesetz zur Änderung krankenversicherungsrechtlicher und anderer Vorschriften und mit ihm die drastische Erhöhung der Herstellerrabatte vom Bundesrat kurz vor der Sommerpause noch durchgewinkt worden war, stehen in diesem Jahr noch zwei Gesetzesvorhaben auf der Agenda: Das Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG) und die Finanzreform der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV).
Die einkommensunabhängige Gesundheitsprämie ist eines der wenigen Konzepte, die einen Ausweg weisen aus der demografische Falle, in der die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) gefangen ist: Der Anteil der nicht mehr Erwerbstätigen steigt, das Verhältnis von Erwerbseinkommen zu anderen, nicht mit Gesundheitsabgaben belasteten Einkommensarten, etwa Miet- und Kapitaleinkünfte, verschiebt sich. Eine Lösung kann nur die Entkopplung der Finanzierung von den Erwerbseinkommen bringen. Darin sind sich nahezu alle Fachleute und Ökonomen einig.
Die Gesundheitsprämie bietet dazu die Chance, weil sie erstens: alle Einkommensarten umfasst, nämlich auch Mieteinnahmen oder Kapitalerträge, und zwar nicht nur der GKV-Versicherten, sondern zweitens auch all derjenigen, die Steuern zahlen müssen, also auch der Privatversicherten. Die Gesundheitsprämie zwingt also auch jene, ihr Scherflein zu den Gesundheitskosten beizutragen, die sich dank eines über der Beitragsbemessungsgrenze liegenden Einkommens aus der Solidargemeinschaft der gesetzlichen Krankenversicherten verabschieden können.
Die Imagekurve der Pharma-Industrie ist in den letzten Monaten rasant abgestürzt und hat einen seit Jahren nicht mehr gesehenen Tiefpunkt erreicht. Die Medien zeichnen das Bild einer raffgierigen Branche, der jedes Mittel zur Profitoptimierung recht ist.
Den Vogel schoss das ZDF am 10. März ab, dem Tage, an dem das Bundesgesundheits-ministerium die Finanzentwicklung der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) und einen Anstieg der Arzneimittelausgaben pro Versichertem um 5,3 Prozent veröffentlicht hatte. Die Nachrichtenredaktion des Mainzer Senders hievte einen Beitrag ins heute-journal, der nur einen Schluss zuließ: eine Bande Krimineller zieht durch die Lande und plündert Patienten und Krankenkassen aus.
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Gleich zwei Kommissionen haben im März ihre Arbeit an einer künftigen Gesundheitsreform aufgenommen, nämlich – erstens – die Regierungskommission und – zweitens – die Reformkommission des Deutschen Gewerkschaftsbunds. Während die kundigen Beobachter bei der zweiten Kommission immerhin schon wissen, was am Ende an Vorschlägen und Forderungen herauskommen wird – nämlich eine Stärkung der solidarischen Absicherung gegen Krankheitsrisiken innerhalb der Gesetzlichen Krankenversicherung und die Rückkehr zur paritätischen Finanzierung durch Arbeitnehmer und Arbeitgeber –, ist das Ergebnis der Regierungskommission trotz Koalitionsvertrag längst nicht absehbar.
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