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Thomas Postina
Thomas Postina, Geschäftsführer von PPR, bloggt über eines der spannendsten Themen unserer Gesellschaft: das Gesundheitswesen.
Telefon: +49 (0)6257 / 50799-0
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Pro Generika
Nächsten Monat ist es soweit: Die Wähler entscheiden am 27. September darüber, wer Deutschland künftig regieren soll. Sie treffen damit auch eine Entscheidung über die Ausgestaltung des Gesundheitswesens. Die Alternative lautet wie schon vor der letzten Wahl: mehr Staat oder mehr privat. Dass es in den letzten vier Jahren nicht zu einer klaren Weichenstellung in die eine oder andere Richtung kam, war den Mehrheitsverhältnissen geschuldet. Ein solches Interregnum ist auch für die nächste Legislaturperiode nicht auszuschließen.
SPD und Linke haben nun deutlich gesagt, wofür sie stehen: Für eine Bürgerversicherung, in die jeder auf Erwerbs- und Kapitaleinkünfte seinen Beitrag entrichten muss. Klar Position hat auch die FDP bezogen: Seit Jahren wünscht sie mehr Wettbewerb im Gesundheitswesen und will es den Bürgern, bei einer Pflicht zur Versicherung, freistellen, wo und in welchem Umfang sie sich absichern. Es sind dies die am weitesten von einander liegenden Positionen in der Gesundheitspolitik.
Beratung der Patienten stand bei den Apothekern schon immer hoch im Kurs. Mit dem Hinweis auf ihre Beratungskompetenz wetterten die Pharmazeuten herabsetzende Bemerkungen ab, sie seien doch nur – wenn auch akademisch gebildete - Schubladenzieher. Über ihre Beratungsleistung haben sie ihre Rolle im Gesundheitswesen definiert. Aus diesem Selbstverständnis heraus konnten sie glaubwürdig gegen Versandapotheken und Versandhandel mit Arzneimitteln argumentieren.
Umso erstaunlicher ist es, dass sich immer mehr Apotheker für dieses Kernelement ihres Standesbewusstseins bezahlen lassen – und zwar von den Krankenkassen. In Bayern, Sachsen, Thüringen, Hamburg und Teilen Nordrhein-Westfalens erhalten sie von der AOK so genannte Compliance-Boni. Das Geld wird dafür bezahlt, dass sie den AOK-Mitgliedern die neuen Rabattmedikamente schmackhaft machen, auf die die Versicherung die verfügbare Arzneimittelpalette eingeschränkt hat.
Der staunt der Laie und der Fachmann wundert sich: Endlich hört der Gesetzgeber auf den Rat seiner wissenschaftlichen Weisen und führt – was auch die pharmazeutische Industrie immer wünschte - mehr Wettbewerb ins Gesundheitssystem ein. Und nun hält sich die Begeisterung doch sehr in Grenzen. Stein des Anstosses sind die Rabattverträge, die aufgrund von Ausschreibungen zustande kommen.
Der Grund des Ärgers liegt auf der Hand: Einer Fülle von Arzneimittelherstellern steht eine überschaubare Zahl gesetzlicher Krankenkassen mit teilweise erdrückender Marktmacht gegenüber. Die Allgemeinen Ortskrankenkassen allein kommen auf einen Marktanteil von 41 Prozent. Unter diesen Umständen kann von gleichlangen Spießen und fairem Interessenaustausch keine Rede sein. Und dies wird besonders bei den Ausschreibungen zu Rabattverträgen deutlich.
Pressekonferenzen werden in Berlin viele veranstaltet, auch von den Akteuren im Gesundheitswesen. Sensationen dort sind selten. Die wenigsten ziehen Scharen von Journalisten und Kamerateams an, zu manchen kommen kaum noch zwei, drei Medienvertreter. Anfang Mai hat jedoch eine Veranstaltung Aufmerksamkeit erregt, zumindest bei den Fachmedien: Die erste gemeinsame Pressekonferenz des Verbands Forschender Arzneimittel-Hersteller (VFA) und des Verbands Pro Generika.
Einträchtig saßen der VFA-Vorsitzende Dr. Wolfgang Plischke und der Pro-Generika-Vorstand Wolfgang Späth auf dem Podium im Hause der Bundespressekonferenz beieinander, so eng und einig, als ob es niemals einen tiefen Riss zwischen forschenden und – an den Begriff sei an dieser Stelle noch einmal erinnert – nachahmenden Herstellern gegeben hätte.
Der Widerstand der Arzneimittelhersteller gegen Rabattverträge bröckelt. Immer mehr Unternehmen vereinbaren mit den Krankenkassen entsprechende Preisnachlässe. Nach anfänglichem hinhaltenden Widerstand greift in der Branche die Erkenntnis um sich, dass künftig niemand mehr an Rabattverträgen vorbei kommen wird und sie ein wichtiges Absatz-Instrument darstellen.
Die ersten Zahlen, die die Marktforscher von IMS zu den Marktveränderungen im Zusammenhang mit den umstrittenen AOK-Ausschreibungen vorlegen, dürften dieser Einsicht Vorschub leisten: Firmen, die sich darauf eingelassen haben, sind die Gewinner im Markt und konnten ihre Umsätze erheblich ausbauen. Gerade bislang unbekannten Unternehmen ist es gelungen, mit Hilfe der Rabattverträge bei den Marktanteilen einen unerwartet großen Sprung nach vorne zu schaffen.
Und nun auch das noch: Als ob die Gesundheitsreform mit ihren Regelungen zur
Arzneimittelversorgung die pharmazeutischen Unternehmen nicht schon genug irritiert hätte, flatterte Ende Oktober den Firmen auch noch ein Brief der AOK Baden-Württemberg ins Haus und löste in der Branche erhebliche Unruhe aus. In dem Schreiben werden die Hersteller ultimativ aufgefordert, für 89 Arzneiwirkstoffe binnen kürzester Zeit Rabattangebote abzugeben. Seine besondere Brisanz erhält das Schreiben, weil die AOK Baden-Württemberg nicht nur in eigenem Namen handelt, sondern im Auftrag aller Ortskrankenkassen.
Damit geht es nicht um einen überschaubaren Marktanteil, sondern um 41 Prozent Marktanteil an verschreibungspflichtigen Medikamenten sowie um 37 Prozent aller gesetzlich Krankenversicherten – Umstände, auf die das Schreiben der AOK ausdrücklich hinweist. Die Ortskrankenkassen demonstrieren ihre Marktmacht, setzen einseitig kurze Fristen und geben exakt die Regeln vor, nach denen die Hersteller nun handeln sollen.