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Thomas Postina
Thomas Postina, Geschäftsführer von PPR, bloggt über eines der spannendsten Themen unserer Gesellschaft: das Gesundheitswesen.
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Von Anfang an fehlte Rückendeckung
9. Dezember 2004 - 22:46 | Thomas Postina
Noch nie in der jüngeren Vergangenheit hat sich ein Arzneimittelhersteller so vehement, so deutlich, so entschieden aus dem Fenster gelehnt und in aller Öffentlichkeit gegen halbstaatliche Eingriffe in den Arzneimittelmarkt gewehrt wie Pfizer.
Wie kein Unternehmen zuvor, hat das amerikanische Unternehmen mit dem Vorwurf: „Ab Januar wird gespart. An der Gesundheit von Millionen Herz-Kreislauf-Patienten“ Fachwelt und Öffentlichkeit polarisiert. Kassenärztliche Bundesvereinigung und Krankenkassen wiesen im gemeinsamen Schulterschluss den Vorwurf zurück. Das Bundesgesundheitsministerium sprach von einer ethisch verwerflichen Kampagne. Dagegen unterstützten tausende Ärzte Pfizer bei einer Unterschriften-Aktion.
Was war passiert? Der Gemeinsame Bundesausschuss hatte Pfizers Cholesterinsenker Sortis® in einen Festbetrags-Topf mit den übrigen vier in Deutschland erhältlichen Statinen geworfen. Und die Spitzenverbände der Krankenkassen hatten für diese Jumbogruppe einen Festbetrag fixiert, der 38 Prozent unter dem Pfizer-Preis liegt.
Und auf diesen Preis herab zu gehen, ist der in Karlsruhe ansässige Marktführer bei Cholesterinsenkern nicht bereit. Pfizer darf bei dieser Entscheidung nicht nur den deutschen Markt im Auge haben. Ein niedriger deutscher Preis hat Signalwirkung für die viel wichtigeren Auslandsmärkte. Hinter der Aktion stecken also handfeste wirtschaftliche Gründe.
Doch auch jenseits aller pekuniärer Überlegungen spricht bei nüchterner Betrachtung vieles für Pfizers Haltung. Erstens: kann das Unternehmen fundierte Studien vorlegen, die die Überlegenheit seines patentgeschützten Wirkstoffs Atorvastatin bei bestimmten Krankheitsbildern untermauern. Zweitens: hat selbst der Gemeinsame Bundesausschuss – wie Pfizer genüsslich zitiert - die beliebige Austauschbarkeit von Statinen verneint.
Aber Drittens - und das ist zweifellos am Wichtigsten - geht es um die Grundsatzfrage, ob es bei eingeführten Medikamentenklassen in Deutschland auch künftig noch einen medizinischen Fortschritt geben kann oder nicht. Denn allzu leicht wird ignoriert, dass die meisten Erfolge der Pharmazie der langsamen Fortentwicklung bestehender Therapieansätze geschuldet sind, nicht spektakulären Sprunginnovationen.
Wer solche Schrittinnovationen, kaum dass sie auf dem Markt sind, einem Festbetrag zuführt und den Herstellern damit jeden finanziellen Anreiz an Weiterentwicklungen nimmt, der verhindert zum einen Forschung, zum anderen den Zugang der Patienten zu moderner Medizin, wie Astra Zenecas Überlegungen, seinen neuesten Blutfettsenker vielleicht in Deutschland gar nicht erst einzuführen, erkennen lassen.
Deshalb ist der Kampf von Pfizer aller Ehren Wert. Es ist ein Kampf für den Patienten, ein Kampf für die Forschung, ein Kampf für eine starke pharmazeutische Industrie.
Aber: Es ist auch ein Kampf auf einsamem Posten. Denn Pfizer fehlt es an Verbündeten. Zwar empfinden nahezu alle Pharma-Manager grundsätzliche Übereinstimmung mit dem Anliegen des Unternehmens. Doch solange sie noch hoffen, durch diplomatisches Herumlavieren selbst glimpflich davon zu kommen, halten sie sich auffällig mit Unterstützungsbekundungen zurück. Wohl auch deshalb fallen die Erklärungen der Pharmaverbände so lau aus.
Nicht einmal im Lager der sonst so toughen Local American Working Group, in der die Tochterfirmen amerikanischer Konzerne zusammenarbeiten, findet die Firma ausreichend Unterstützung: Fast zeitgleich zu Pfizer annonciert Abbott, sein Makrolid-Antibiotikum Klacid®, das demnächst unter Festbetrag fällt, dem niedrigsten generischen Preisniveau anzupassen. Den Ärzten wird die Verordnung mit dem Hinweis suggeriert, damit unterstützten sie die „Forschung und Entwicklung neuer innovativer Arzneimittel und tragen den budgetären Erfordernissen des Gesundheitssystems Rechnung.“
Auch wenn beide Fälle nicht vergleichbar sein mögen: sie hinterlassen in der Öffentlichkeit ein diffuses Bild von diesem ungeliebten Industriezweig, der sich in vielen Grundaussagen ständig widerspricht.
Und dies sind nicht die einzigen Signale, die die Bevölkerung verwirren. Da überrascht der Verband Forschender Arzneimittelhersteller mit einem Gutachten, in dem zu hohe Generika-Preise in Deutschland beklagt werden und dessen Stoßrichtung offensichtlich ist. Eine Aussage, die der Deutsche Generika-Verband spornstreichs als Ablenkungsmanöver abkanzelt. Den schwarzen Peter spielen sie schleunigst zurück: Schuld an den steigenden Arzneimittelausgaben seien schließlich die Originalmedikamente.
Nicht einmal die Generika-Hersteller sind sich untereinander grün. Die Kleinen fürchten von einem Oligopol der Großen Ratiopharm, Hexal und Stada erdrückt zu werden und rufen hilfesuchend nach dem Staat, den man andererseits gerne zurückgedrängt sähe.
Selten hat die pharmazeutische Industrie ein so zersplittertes Bild abgegeben wie heute. Die unbequemen Rahmenbedingungen, die der Staat dieser Industrie in Deutschland bereitet und unter der alle Segmente dieser Branche, von den forschenden bis zu den generischen Herstellern, leiden, schweißt nicht zusammen, sie trennt offensichtlich.
Damit fehlt einem so heroischen Feldzug, wie ihn Pfizer begonnen hat und dessen Erfolg allen Arzneimittelherstellern zugute käme, die dringend notwendige Rückendeckung, um die sich das Unternehmen im Vorfeld vielleicht zu wenig bemüht hat.
Wenn sein Versuch scheitert, öffentlichen Druck aufzubauen, um eine kurzfristige Rücknahme der Atorvastatin-Entscheidung zu erreichen, dann scheitert er nicht nur an Politik und Selbstverwaltung. Dann scheitert er auch an der Zerrissenheit der Pharma-Industrie. Die ganze Affäre liefe dann auf ein höchstinstanzliches Urteil in einigen Jahren hinaus, das dann zwar niemandem mehr hilft und auch ohne öffentliches Getöse zu erreichen gewesen wäre.
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