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Thomas Postina
Thomas Postina, Geschäftsführer von PPR, bloggt über eines der spannendsten Themen unserer Gesellschaft: das Gesundheitswesen.
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Warnsignale übersehen
2. Januar 2005 - 22:39 | Thomas Postina
Mit rund 117.000 Mitarbeitern ist die Arzneimittelindustrie als Arbeitgeber ein eher kleines Licht. Die Branche hat immer schon darunter gelitten, dass sie – anders als die Autoproduzenten, die Stahlkocher oder die hoch subventionierten Kohleförderer - niemals ihre Arbeitsplätze in die Waagschale werfen konnten, wenn es um ihre künftigen Rahmenbedingungen ging. Was sind schon 7000 Arbeitsplätze, die zwischen 2003 und 2004 bei den Arzneimittelunternehmen verstreut über die ganze Bundesrepublik und damit völlig unspektakulär verloren gingen, wenn allein in Rüsselsheim oder Bochum 10.000 oder 15.000 Opelaner um ihren Job bangen?
Dennoch hat der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) noch einmal die Beschäftigungskarte ausgespielt und die Politik darauf hingewiesen, welche stabilisierenden Einflüsse auch die kleine Pharmabranche auf das große Ganze hat. Der VFA ließ vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) die Verflechtungen der Arzneimittelhersteller mit Zulieferern und Dienstleistern untersuchen – und fand seine Erwartungen bestätigt: Allein im Zuliefererbereich kommen auf 100 Mitarbeiter der pharmazeutischen Industrie 88 Beschäftigte in zuliefernden Betrieben. Doch das ist nicht alles: „Die durch die Herstellung von Arzneimitteln ausgelöste Beschäftigung ist rund doppelt so hoch, wie die Zahl der Beschäftigten in der pharmazeutischen Industrie selbst.“
In dieser positiven Botschaft ist auch eine Warnung verpackt. Denn was im positiven Sinne gilt, trifft auch im Negativen zu. Pro gestrichenem Pharma-Arbeitsplatz müssten demnach zwei weitere Stellen in der Volkswirtschaft entfallen.
Wer dieser These zustimmt, der kann die vor Silvester veröffentlichte Mitgliederbefragung des VFA nicht ohne Sorge lesen. Denn immerhin 37 Prozent der befragten Firmen rechnen mit Arbeitsplatzabbau im eigenen Haus, 33 Prozent mit stabiler Beschäftigungslage, und nicht einmal ein Drittel der Unternehmen kann sich überhaupt vorstellen, im neuen Jahr mehr Menschen zu beschäftigen. Rund dreißig Prozent der VFA-Firmen geht von stagnierenden oder rückläufigen Umsätzen aus, die Hälfte rechnet mit leicht steigenden Geschäften und nur ein Sechstel prognostiziert ein fühlbares Umsatzplus. Und dies, obwohl der Ertrag zehrende Zwangsrabatt von 16 auf 6 Prozent abgemildert und der staatliche Preisstopp zum Jahresanfang aufgehoben wurde.
Wenn schon die Großen der Branche ein eher verhaltenes Zukunftsszenario zeichnen, wie muss es dann erst um die mittleren und kleinen Firmen stehen? Eine systematische Befragung dazu liegt nicht vor, wohl aber existieren einige Marktuntersuchungen, die nichts Gutes ahnen lassen.
Kleinere Hersteller, insbesondere von rezeptfreien Arzneimitteln, geraten mehr und mehr unter Druck. 80 Prozent von ihnen haben nach Berechnungen von IMS Health im zurückliegenden Jahr erheblich an Umsatz eingebüsst, die meisten davon im zweistelligen Bereich. Eine Erholung ist nicht in Sicht.
Das wird die Neigung der Eigentümer, oft noch die Gründungsfamilien, stärken, ihr Unternehmen, noch rechtzeitig zu verkaufen, bevor es noch mehr an Wert verliert. Elisabeth Beck, IMS-Geschäftsführerin in Deutschland, ging in einem Gespräch mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ von einem verstärkten Konzentrationsprozess aus: „Das Geschäft wird sich auf die zehn größten Anbieter auf dem Markt konzentrieren.“ Sie untermauert ihre Auffassung mit Zahlen der Jahre 2000 bis 2004: Der Marktanteil der zehn größten Anbieter rezeptfreier Medikamente stieg von 34,5 auf 42,1 Prozent.
Die Konzentration hat die Beschäftigung sicherlich nicht beflügelt. Im Gegenteil: Der Abwärtstrend bei den Mitarbeiterzahlen der Pharma-Industrie scheint anzuhalten.
Hintergrund ist die andauernde Verunsicherung der Unternehmen: Wie viele patentgeschützte Arzneimittel werden wohl noch mit Generika in den gemeinsamen Topf einer Festbetrags-Jumbogruppe geworfen? Wie fest kann man – nach all den schlechten Erfahrungen der Vergangenheit - dem Wort der Regierung vertrauen, weder das Preismoratorium zu beleben noch den Zwangsrabatt doch wieder zu erhöhen?
Denn jeder weiß: Auch die Politik steht unter Druck. Mit dem Hinweis auf die seit Januar erwartungsgemäß wieder steigenden Arzneimittelausgaben haben die gesetzlichen Krankenkassen bereits die geforderten Beitragssatzabsenkungen verweigert.
Offenbar wurden die unspektakulären langfristigen Entwicklungen in der Arzneimittelindustrie von den Politikern noch nicht als Warnsignale erkannt. Dies scheint sich jetzt zu ändern, vielleicht auch, weil manche Pharmamanager mittlerweile auf allzu diplomatisch geschliffene Formulierung verzichten, sondern an Deutlichkeit kaum zu überbietende Worte wählen.
Jean-Francois Dehecq, der Chef von Sanofi-Aventis, hat das Dilemma in einem Interview mit dem „Manager-Magazin“ auf den Punkt gebracht: „Wir werden langfristig nicht in einem Land investieren, in dem wir kein Geld verdienen. … Wenn man in Europa – und insbesondere in Deutschland – keine guten Geschäfts mehr machen kann, dann wandert die Forschung ab, und letztlich wird auch die Produktion verlagert.“ Bei Worten bleibt es längst nicht mehr. Bayer kündigte an, im Pharmabereich rund 500 Stellen zu streichen.
Allmählich scheint es auch dem einen oder anderen Politiker zu dämmern, wohin eine jahrzehntelange Gängelungspolitik führt. Der Bundeskanzler hat nun erstmals zu erkennen gegeben, dass es so nicht weitergehen kann. In einem Gespräch mit dem „Stern“ räumt er ein, dass Nachbesserungen der Gesundheitsreform zugunsten der Arzneimittelhersteller notwendig sind.
Doch wird er sich diesmal gegen Gesundheitsministerin Ulla Schmidt durchsetzen können, die ihn schon einmal bei den Jumbogruppen hat abblitzen lassen? Der von der DIW-Studie untermauerte Hinweis auf die gesamtwirtschaftliche Bedeutung der Arzneimittelindustrie wird an ihr abperlen wie ein Wassertropfen auf einer Ölhaut. Sie wird den Vorstoß mit dem Argument kontern, ihr Ministerium sei für die ordentliche und möglichst kostengünstige Versorgung der GKV-Versicherten da und nicht, um die Beschäftigung bei Arzneimittelfirmen zu sichern. Dieses Totschlagargument begleitet den Niedergang der Arzneimittelindustrie in Deutschland von Anfang an.
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