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Thomas Postina
Thomas Postina, Geschäftsführer von PPR, bloggt über eines der spannendsten Themen unserer Gesellschaft: das Gesundheitswesen.
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Kurz vor der parlamentarischen Sommerpause ist es ruhig geworden um die Gesundheitspolitik. Lediglich das leise Grummeln über den Gesundheitsfonds, der trotz diverser politischer Widerstände nicht mehr zu verhindern sein dürfte, bildete das Hintergrundgeräusch auf den zahlreichen Sommerfesten, zu denen sich das politische Berlin in den letzten Wochen traf. Dort standen bei Wein und Bier auch jene freundlich zusammen, die sonst in ihren Grundpositionen nicht unbedingt übereinstimmen. Aber für eine zumindest menschliche Annäherung sind schließlich solche Sommerfeste da.
Eine der wenigen Ereignisse von gewissem Gewicht war die Vorstellung des diesjährigen Arzneimittel-Reports der Gmünder Ersatzkasse Ende Juni. Er bietet zwar auch nichts wirklich Überraschendes, denn die Schlussfolgerungen die sein Autor, der Bremer Professor Dr. Gerd Glaeske zieht, sind letztlich seit Jahren die gleichen: Es werden zu viele Me-too-Präparate verordnet und zu wenig Generika.
So sind Glaeske die Höhe und Steigerung des Umsatzes vieler Arzneimittel auf den ersten 20 Plätzen „völlig unverständlich“. Außerdem weist der Report regelmäßig aus, dass von den neu zugelassenen Arzneimitteln nur ein Teil „einen wirklichen therapeutischen Zusatznutzen“ aufweist, im Jahr 2006 waren das nur 17 von 27 neuen Wirkstoffen.
Überraschend ist allerdings, dass Glaeske noch immer die Generika-Karte spielt: Denn der Report, den er zusammen mit seinem Team vom Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen erarbeitet hat, weist zum einen aus, dass der Anteil der Generika im generikafähigen Markt auf 82 Prozent gestiegen ist, zum anderen, dass die Preise für Generika innerhalb des letzten Jahres um 31 Prozent gefallen sind – was weiteres Sparpotenzial sehr eingrenzt.
Würden die Ärzte so verordnen, wie Glaeske es für sinnvoll und angemessen hält, dann wären sie ihrer höheren Vergütung, die ihnen Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt versprochen hat, schon etwas sicherer. Denn die 2,5 Milliarden Euro, die als zusätzliches Honorar im Raume stehen, entsprechen – darauf wies Glaeske eigens hin - ziemlich genau der Summe, die er als Sparpotenzial ermittelt hat.
Solche politischen Botschaften finden stets lebhaftes Interesse. Sie sind leicht verständlich, medial einfach zu vermitteln. Daher war - wie immer, wenn Krankenkassen oder Verbraucherorganisationen zum Thema Arzneimittel einladen - die Pressekonferenz rappel voll.
Leider kommen unter der Dominanz eher Effekt haschender politischer Aussagen die wesentlich interessanteren Details dieses Reports zu kurz, der ja eigentlich Bestandteil der Versorgungsforschung sein soll und nicht politisches Instrument. Der Report untersucht beispielsweise die Arzneimitteltherapie von Kindern und Jugendlichen einerseits und älteren Menschen andererseits.
Auffällig ist beispielsweise in der Altersgruppe der 11- bis 14-jährigen die zunehmende Verordnung von Psychostimulanzien zur Behandlung des Aufmerksamkeits-Defizits-Hyperaktivitäts-Syndroms (ADHS). Hier lässt sich durchaus die Frage ableiten, ob solche Entwicklungen nicht auch ihre gesellschaftlichen Ursachen haben und ob Medikamente dann tatsächlich das Mittel der ersten Wahl sind. Ein anderer Punkt ist nicht ganz so spektakulär, aber darum nicht weniger alarmierend: der unveränderte Fehlgebrauch von Antibiotika, gerade bei Kindern. Dieser verfehlte Einsatz hilft nicht nur den Patienten nicht, sondern leistet dem dramatischen Problem der Resistenzbildung Vorschub. Und wer hätte gewusst, dass in der Altersgruppe der 14- bis 18-jährigen vier der fünf am häufigsten verordneten Präparate orale Kontrazeptiva sind, die bis zum 20. Lebensjahr von den Krankenkassen bezahlt werden? In solchen Untersuchungen liegt der Wert der Versorgungsforschung.
Nichts desto trotz sind und bleiben die Arzneimittelkosten für eine Krankenkasse natürlich eine Herausforderung. Wer wollte ihnen verdenken, wenn sie alle Möglichkeiten ausprobieren, Kosten zu sparen. Der neue Vorstandsvorsitzende der GEK, Dr. Rolf-Ulrich Schlenker, hat auf der Pressekonferenz von seinen Erfahrungen berichtet.
Für ihn ist der Versandhandel eine alternative zum Arzneimittelvertrieb – eine „verlässliche“, wie er betont. Der Vertriebsweg habe sich bewährt. Daher wehre er sich gegen Bestrebungen, den Versandhandel wieder einzuschränken. Schlenker relativiert allerdings das Potenzial: Der Anteil am Versandhandel liege bei der GEK bei acht Prozent. Viel mehr sei wohl nicht drin, denn die Mehrheit der Versicherten bevorzuge weiterhin die Apotheke vor Ort.
Auch in Direktverträgen mit Arzneimittelherstellern, bei denen es Risikoteilung oder eine Ausgaben-Obergrenze für ein Medikament gibt, hält er nicht viel. Stattdessen fürchtet er – wie übrigens auch durch Rabattverträge – eine zunehmende Intransparenz des Systems.
Ein Punkt, den auch der Report kritisch sieht: Was die Krankenkassen nämlich tatsächlich für Arzneimittel ausgegeben haben, ist bislang nicht bekannt. Die Verträge zwischen Kassen und Herstellern sind vertraulich. Immerhin haben die Autoren des Reports durch eine Umfrage bei allen Krankenkassen Einsparungen von 310 Millionen Euro ermittelt. Da niemand weiß, was die Krankenkassen für Medikamente zahlen, stehen auch alle Einsparszenarien auf noch wackeligeren Grundlagen - als ohnehin auch jene 2,5 Milliarden, mit denen Professor Glaeske die Ärzte zum rationalen Therapie verlocken wollte.