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Thomas Postina
Thomas Postina, Geschäftsführer von PPR, bloggt über eines der spannendsten Themen unserer Gesellschaft: das Gesundheitswesen.
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Nun kommt alles doch nicht ganz so schnell: Die Drogeriekette Schlecker, die ab Mitte Februar in den Arzneimittel-Versandhandel einsteigen wollte, ihr Personal bereits informiert und die Kataloge angeblich schon gedruckt hatte, stellte ihre Pläne zunächst zurück. Die Fachwelt rätselt warum? Hatte ein Mitbewerber ein Haar in der Suppe gefunden und gegen das geplante Vertriebsmodell geklagt? Oder bekam das Unternehmen selbst kalte Füße, angesichts der Tatsache, dass die Versandapotheke „Vitsana“ zwar in den Niederlanden beheimatet, aber im Besitz einer spanischen Schlecker-Tochter ist? Anders als Holland steht nämlich Spanien nicht auf der Liste der Länder, denen das Bundesgesundheitsministerium vergleichbare Kriterien für den Betrieb von Apotheken attestiert und die damit auch Deutschland beliefern dürfen.
Wie dem auch sei. Die deutschen Apotheker haben wenig Grund, sich entspannt zurück zu legen. Denn verschoben ist nicht aufgehoben.
Der Versandhandel mit Arzneimitteln, seit vier Jahren erlaubt, spielte bislang keine große Rolle: Auf gerade einmal drei bis vier Prozent wird der Anteil des Versandhandels am Arzneimittelabsatz insgesamt geschätzt. Bei rezeptpflichtigen Medikamenten liegt er bei einem Prozent. Mit Schlecker wird sich dies ändern.
Bleibt es bei den bisher bekannt gewordenen Plänen können Schlecker-Kunden nun bei der niederländischen Versandapotheke „Vitalsana“ rund 600 apotheken- und rezeptpflichtige Medikamente ordern – angeblich zu Preisen, die bei OTC-Arzneimitteln die Empfehlungen der Hersteller um bis zu 45 Prozent unterbieten.
Allerdings sollen die Interessenten die Medikamente zunächst nicht in den Filialen bestellen oder abholen können. Dort gibt es bisher nur Kataloge mit Bestellscheinen und frankierte Umschläge. Die sind für die Originalrezepte bestimmt, die nach Holland geschickt werden müssen. Angeblich erhält der Patient das Medikament binnen zweier Tage nach Hause geliefert.
Damit ist das Schlecker-Modell ähnlich umständlich wie die der anderen Mitspieler im Versandgeschäft, sei es die Versandapotheke DocMorris, an der sich mittlerweile der Großhändler Celesio beteiligt hat, oder die Drogerieketten dm und Rossmann. Dennoch hat das Engagement des schwäbischen Familienunternehmens mit einem Umsatz von 5,5 Milliarden Euro eine andere Power. Hier ist jemand am Werk, der auch längere Durststrecken gut verkraften kann.
Mehr noch als die Finanzkraft zählt freilich das Filialnetz. Schlecker allein betreibt rund 11.000 Filialen. Das sind halb so viele Verkaufsstellen wie es Apotheken in Deutschland gibt. Noch kann Schlecker diese Präsenz derzeit nicht gegen die Apotheker ausspielen.
Das kann sich aber ganz schnell ändern. Schon im nächsten Jahr erwarten Fachleute ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs zum Fremd- und Mehrbesitzverbot von Apotheken. Bisher muss in Deutschland eine Apotheke im Besitz eines Apothekers sein. Neben seiner Hauptapotheke darf er maximal drei Filialen besitzen. In vielen anderen europäischen Staaten gibt es solche Regelungen nicht.
Das ist einer der Gründe, weshalb sich die großen Spieler im Arzneimittelversand überwiegend jenseits der Grenze niedergelassen haben. Dort können Apotheken in anderer Rechtsform geführt werden. Außerdem lassen sich Unterschiede in der Besteuerung gewinnbringend nutzen und – zu guter letzt – muss eine ausländische Apotheke nicht die Pflichten erfüllen, die jede deutsche Präsenzapotheke bieten muss: etwa den Not- und Nachtdienst.
Kritiker sehen daher in diesem deutschen Sonderweg einen Wettbewerbsnachteil für ausländische Apothekenbetreiber und einen Verstoß gegen EU-Recht. Stimmt der Europäische Gerichtshof dieser Auffassung zu, dann ist Schlecker mit seinem Filialnetz in einer beneidenswerten Lage. Binnen kurzer Zeit kann das Unternehmen – wie es Mitbewerber dm in Nordrhein-Westfalen bereits tut – Bestellungs- und Auslieferungstheken einführen, bei denen der Patient Rezepte abgeben und die Medikamente zwei, drei Tage später abholen kann.
Diese Entwicklung gefällt der Apothekenspitzenorganisation ABDA nicht. Sie argumentiert, dass schließlich nicht Bonbons vertrieben werden, sondern Waren der besonderen Art mit hohem Beratungsbedarf und hohen Sicherheitsanforderungen. Es gehe darum „nicht die Apotheker zu schützen, sondern die Patienten“, baut die ABDA dem Vorwurf des Eigennutzes vor. Ihr kam eine Untersuchung des Bundeskriminalamts zupass, das zunehmende illegale Arzneimittelimporte und –fälschungen sowie die Gefährdung der Bevölkerung beklagte.
Doch die Abwehrfront bröckelt. In der Politik glaubt kaum noch jemand, dass die deutsche Sonderposition zu halten ist. Auch bei den Apothekern wächst die Zahl derjenigen, die sich gegen den Fall des Fremd- und Mehrbesitzverbots wappnen.
Rund 2000 Apotheker in Deutschland haben sich die Lizenz zum Versandhandel verschafft. Damit haben sie einen Fuß in der Tür für den Fall, dass der Versandhandel auf Touren kommt. Viele von Ihnen rechnen mit einem grundlegenden Strukturwandel in der Arzneimittelversorgung. Bereits 50 bis 70 Prozent aller Apotheker glauben, es auf Dauer nicht mehr alleine zu schaffen und flüchten sich in Einkaufsgemeinschaften, unterschiedlichste Kooperationen und Franchise-Modelle, selbst von Doc Morris. Der Einstieg von Schlecker in das Medikamentengeschäft wird diesen Trend noch stärken.
Die Veränderungen im Arzneimittelvertrieb werden auch Auswirkungen auf die Hersteller haben: Der Druck auf Preise und Margen wird zunehmen, das Direktgeschäft sehr zum Kummer des Großhandels weiter an Bedeutung gewinnen. Wer 11.000 Abgabestellen vorzuweisen hat, der wird sich nicht mit Listenpreisen abspeisen lassen. Und es widerspräche aller Lebenserfahrung, wenn nicht viele Firmen bei großen Filialisten Schlange stehen würden.
Dennoch darf nicht übersehen werden, dass Versandapotheken eines nicht können: Die Akutversorgung sicherstellen. Wer jetzt überraschend erkrankt, braucht sein Arzneimittel heute, nicht morgen. Dieses Manko wird zur Existenzsicherung nicht aller, aber vieler Präsenzapotheken.
Daher war auch das Fazit einer von der Innovations-Akademie Deutscher Apotheker organisierten Diskussion durchaus optimistisch: „Die inhabergeführte Apotheke hat eine Zukunft. Sie wird auch künftig Dreh- und Angelpunkt der Arzneimittelversorgung in Deutschland sein“, resümierte Institutsleiter Dr. Andreas Kaapke in Köln. Die Erfahrungen aus dem Ausland stützen diese Annahme. Selbst in den USA, wo Arzneimittelversand systembedingt stark propagiert wird, liegt sein Anteil deutlich unter 20 Prozent.