Thomas Postina

Thomas Postina, Geschäftsführer von PPR, bloggt über eines der spannendsten Themen unserer Gesellschaft: das Gesundheitswesen.

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Wer das Image der pharmazeutischen Industrie verbessern will, der braucht eine hohe Frustrationsschwelle. Denn die Vorurteile, gegen die es anzuargumentieren gilt, scheinen tief in das Bewusstsein der Bevölkerung eingraviert zu sein. Es gilt, dicke Bretter zu bohren.

Mitunter gibt es Signale, die Hoffnung machen. Das jüngste Gutachten des Sachverständigenrats für die Beurteilung der Entwicklung im Gesundheitswesen ist so eines: Erstmals scheinen auch die Sachverständigen ihre populistischen Scheuklappen abgelegt zu haben, die bisher ihren Blick auf die Realitäten der Arzneimittelindustrie in Deutschland einschränkten. In ihrem jüngsten Gutachten finden sich Aussagen, die so gar nicht mit den tausendfach wiederholten Argumenten zum Arzneimittelwesen übereinstimmen, die der Bürger den Medien entnimmt und aus Politikermündern hört.

„Das Verordnungsspektrum und die dafür aufgewendeten finanziellen Mittel bewegen sich im Mittel der Werte anderer europäischer Nationen“, heißt es beispielsweise. Oder: „Betrachtet man jedoch die Pro-Kopf-Arzneimittelausgaben oder die so genannten Arzneimittelquoten als Verhältnis der Arzneimittelausgaben zu den gesamten Ausgaben für die Gesundheitsversorgung, so bleiben diese im internationalen Vergleich sowohl bezüglich des Niveaus als auch der Ausgabenentwicklung eher unauffällig.“

Realistisch sieht der Sachverständigenrat auch die Einsparpotenziale durch die erwünschte kosteneffiziente und effektive Arzneimitteltherapie. „Wenn einerseits eine moderne, zeitnah auf Innovationen reagierende Pharmakotherapie gewünscht wird, so geht dies andererseits zwangsläufig mit einem entsprechenden Kostenvolumen einher.“ Außerdem seien die theoretisch noch vorhandenen Einsparpotenziale „in der Realität kaum“ auszuschöpfen. Schon heute sei die Verordnung umstrittener Medikamente deutlich zurückgegangen, Deutschland habe mit einem Anteil von 68 Prozent im generikafähigen Segment „den vermutlich höchsten Marktanteil von Generikapräparaten weltweit“.

All dies passt nicht zusammen mit dem gern gehörten Argument, in Deutschland seien die Arzneimittelpreise und –ausgaben weltspitze oder es würden überdurchschnittlich viele Medikamente verbraucht.

Diese Vorurteile haben mit dazu geführt, dass Deutschland auf einem Feld Spitzenrang erreichte: nämlich auf dem der Reglementierung seiner Arzneimittelindustrie. Auch dies – man höre und staune – wird vom Sachverständigenrat kritisch gewürdigt. „Eine Vielzahl von Reformen schuf aus diesem lukrativsten Teilmarkt Deutschland eine zunehmende Intransparenz, wobei die kurzlebigen regulativen Eingriffe – mit begrenztem Erfolg – auf eine Eindämmung der Ausgabensteigerungen bei den Arzneimitteln abzielten.“ Im Ergebnis führte dies zu einem Wettbewerbsnachteil für die deutsche pharmazeutische Industrie insbesondere gegenüber den USA und Japan.

Der Sachverständigenrat konstatiert einen Bedeutungsverlust Deutschlands auf dem Weltpharmamarkt: „Unter den zehn umsatzstärksten Unternehmen befindet sich kein deutscher Konzern mehr.“ Und er folgert daraus: „Pharma-Unternehmen erwarten stabile Rahmenbedingungen, um ihre Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen langfristig planen zu können.“ „Erfolgreich forschende pharmazeutische Unternehmen in Deutschland zu erhalten und zu fördern, liegt im Interesse der Patienten“, da neue Medikamente oftmals zuerst am Heimatmarkt der Firmen eingeführt würden und positive Impulse für die Wertschöpfung und die Arbeitsplätze hätten.

All dies hätten auch die Verbände der pharmazeutischen Industrie schreiben und sagen können – nur ihnen hätte man es nicht ohne weiteres abgenommen. Am Rat aber kommt nun niemand so ganz vorbei.

Höhere Glaubwürdigkeit genießen aber natürlich auch die weniger erfreulichen Aspekte des Sachverständigengutachtens. Denn der Rat, der einerseits kurzfristige regulatorische Eingriffe für die Probleme der Pharma-Industrie mit verantwortlich macht, lässt die Konsequenz bei seinen Rezepten vermissen. Statt bei Politik nun für die pharmazeutische Industrie Freiräume einzufordern, schwingen die Sachverständigen nun selbst den Hammer der Regulation.

Um zu vermeiden, dass teuere Medikamente, die angeblich ohne relevante therapeutische Vorteile sind, die Arzneimittelausgaben der gesetzlichen Krankenkassen nach oben treiben, sollte die Erstattung von Medikamenten durch die Gesetzliche Krankenkasse von einer Nutzenbewertung abhängig gemacht werden. Er redet also der so genannten Vieren Hürde das Wort. Dabei geht der Sachverständigenrat nicht soweit, solche Medikamente ganz von der Erstattung auszuschließen. Vielmehr schlägt er vor, sie in die Festbetragsregelung einzubeziehen und damit eine Erstattungsobergrenze festzulegen.

Dieses Argument werden die Kritiker der pharmazeutischen Industrie künftig weidlich ausschlachten und den Planwirtschaftlern Wasser auf den Mühlen sein. Gerade unter den Krankenkassenfürsten gibt es viele, die jeglicher Liberalisierung oder gar dem Markt misstrauen. Sie verübeln es Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt noch immer, dass sie den Arzneimittelzwangsrabatt tatsächlich – wie gesetzlich verankert – von 16 auf sechs Prozent zurückfuhr. Für den neuen AOK-Vize Johann-Magnus von Stackelberg „wäre es durchaus vertretbar gewesen, den Herstellerrabatt um ein weiteres Jahr zu verlängern.“

Das dicke Brett muss also weiter gebohrt werden.

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