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Drei Reports, eine Botschaft – Thomas Postina in seiner PharmInd-Kolumne im Oktober 2017

Eigentlich sind Pharma-Manager doch böse Buben: Ständig bringen sie neue Medikamente auf den Markt, die kaum besser sind als die alten, und verlangen dafür auch noch hohe Preise! Das ist die Botschaft, mit der die diversen Arzneireporte der gesetzlichen Krankenkassen auch in diesem Herbst unisono deren politische Absicht kaschieren: nämlich den Pharmamarkt weiter zu regulieren.

Ob Barmer Arzneimittelreport, TK-Innovationsreport oder zuletzt der Arzneiverordnungs-Report (AVR) des Wissenschaftlichen Instituts der Ortskrankenkassen (WIdO). Die Schlagworte sind ähnlich: „Kosten für Krebsmedikamente explodieren“ (Barmer); „Pharmaindustrie überzieht Preisschraube“ (TK). „Patentgeschützte Arzneimittel werden immer teurer“ (AVR). Von therapeutischem Fortschritt dagegen wird kaum gesprochen. Im Gegenteil: Wenn überhaupt, dann wird er kleingeredet.

Auch die politischen Forderungen weichen kaum voneinander ab: So fordert die TK von der Politik „gleich zu Beginn der neuen Legislaturperiode Nägel mit Köpfen (zu) machen und weitere kostendämpfende Maßnahmen (zu) ergreifen.“ Neben der Anhebung des Herstellerabschlags von sieben auf zehn Prozent „müssen die Lücken im Prozess der frühen Nutzenbewertung und der Preisverhandlungen im AMNOG-System geschlossen werden.“

Wie das aussehen könnte, macht Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbands bei der Vorstellung des AVR deutlich: „Um der Hochpreisstrategie der Pharmafirmen zu begegnen, sollten sich die Erstattungspreisverhandlungen stärker am Zusatznutzes eines Wirkstoffs orientieren und die verhandelten Preise rückwirkend ab dem ersten Tag des Marktzugangs gelten.“ Außerdem sollen die Pharma-Unternehmen in einen Fonds einzahlen, aus dem dann industrieunabhängige Studien zur späten Nutzenbewertung finanziert werden sollen.

Dass sich hinter all diesen Argumenten – auch – wirtschaftliche Interessen der Krankenkassen verbergen, wird mit Hinweisen auf den angeblich zu geringen medizinischen Zusatznutzen der Innovationen verbrämt. Besonders deutlich tritt dies beim TK-Innovationsreport zutage, der nicht einem der 32 untersuchten neuen Wirkstoffe einen nennenswerten geldwerten therapeutischen Fortschritt attestiert. Bei seiner simplen und daher umstrittenen Ampelbewertung – grün ist gut, rot schlecht – kamen 17 Präparate auf gelb und der Rest fiel mit rot durch. Die Innovationen – so das Fazit – bleiben hinter den Erwartungen zurück.

Auch die AOK argumentiert in eine ähnliche Richtung und beklagt den angeblichen Trend zu beschleunigten Zulassungsverfahren, mit denen sich die Firmen mit unvollständigen Unterlagen den frühen Zugang zum Markt erschlichen. Dadurch kämen „immer mehr Produkte ohne ausreichende Datenbasis zu Nutzen und Risiken für die Patienten auf den Markt … Doch ist der Marktzugang erst einmal erfolgt, kommen viele Pharmaunternehmen ihrer Verpflichtung nach weiteren Daten nicht ausreichend nach.“

All dies könnte man als das übliche herbstliche Gezeter abtun, dessen Resonanz in Medien, Öffentlichkeit und Politik ohnedies angesichts sich wiederholender Vorwürfe von Jahr zu Jahr leiser wird, gäbe es da nicht die Bestrebungen der Kassen, die Ärzte selbst intensiver über Arzneimittel zu informieren. Ein Vehikel dazu könnte das vom AM-VSG geforderte Arztinformationssystem (AIS) sein, in das die Nutzenbewertung neuer Arzneimittel einfließen soll.

Dass selbst die Nutzenbewertung des G-BA häufig von den Leitlinien der medizinischen Fachgesellschaften abweicht, zeigt, wie diffizil Arzneimittelbewertungen generell sind. Die vom GKV-Spitzenverband erhobene Forderung, wonach die Pharma-Industrie keinen Einfluss auf die Arztinformation haben soll, müsste daher umgekehrt auch für die Krankenkassen gelten. Denn von einer neutralen Information der Ärzteschaft könnte sicherlich auch dann nicht die Rede sein, wenn sie von den Krankenkassen übernommen würde.

Wie ihre diversen Reports unterstreichen, dürften wirtschaftliche Aspekte der Kassen bei ihren Empfehlungen eine wesentliche Rolle spielen. In dem Fall wären die Patienten auch vom kleinen pharmazeutischen Fortschritt abgeschnitten. Die Versorgung würde sich verschlechtern. Und das kann niemand wollen.