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Entspannung angesagt – Thomas Postina in seiner PharmInd-Kolumne im August 2017

Sovaldi – wer diesen Namen vor rund drei Jahren in den Mund nahm, der löste bei Krankenkassenvertretern und einigen Politikern Schnappatmung aus, schreibt PPR-Geschäftsführer Thomas Postina in seiner PharmInd-Kolumne im August. Zwar gab es nun erstmals ein Medikament, mit dem Hepatitis C mit hoher Wahrscheinlichkeit und schneller als bisher geheilt werden konnte, doch sollte jede Pille 700 Euro kosten, ein Therapiezyklus 120.000 Euro.

Politiker und Krankenkassen waren alarmiert und sahen in düsteren Szenarien den Zusammenbruch der gesetzlichen Krankenversicherung voraus. Auf fünf Milliarden jährlich – so wurde prognostiziert – sollten sich allein die Kosten für dieses eine Medikament belaufen. Und weitere Innovationen – insbesondere Onkologika – waren angekündigt, ähnliche Preise wurden befürchtet. Die Aufregung war groß – und die Mitarbeiter der gesundheitspolitischen Abteilungen der Pharmaverbände und der Industrie hatten einen schweren Stand.

Drei Jahre später ist die Erregung abgeklungen. Dabei schienen die Zahlen der Jahre 2014 und 2015 den Prognostikern zunächst recht zu geben: Die Ausgaben für Hepatitis-C-Medikamente explodierten von 139 Millionen im Jahr 2013 auf fast 1,2 Milliarden im Jahr 2015, der Verbrauch erreichte im März 2015 gemessen in Tagesdosen mit rund 330.000 seinen höchsten Wert.

Dennoch schreiben die gesetzlichen Krankenkassen schwarze Zahlen. Ihre Arzneimittelausgaben sind mit Schwankungen nur moderat gestiegen und für die Hepatitis-C-Medikamente geben sie in diesem Jahr nur gut ein Zehntel der prognostizierten fünf Milliarden aus, nämlich knapp 600 Millionen.

Was war passiert, warum lagen die Prognostiker daneben? Weil sie den Kräften des Marktes misstrauten. Schon Ende des ersten Vermarktungsjahres waren dem ersten Anbieter fünf Mitbewerber erwachsen. Zwei Jahre später sind es schon zehn Pharma-Unternehmen, die mit ihren Innovationen Ärzten und Patienten wirksame Therapieoptionen bieten – und dies in einem Marktsegment, in dem die Absatzmengen permanent sinken.

Das IGES-Institut, dass diese Entwicklung im Auftrag des Verbands forschender Pharma-Unternehmen (vfa) analysiert hat, führt dies zum einen auf den vorübergehenden Nachholeffekt zurück, der Mengen und Ausgaben in den Jahren 2014 und 2015 in die Höhe trieb, zum anderen auch darauf, dass sich dank hoher Heilungsraten weniger Menschen infizieren. Vor allem aber war es der massiv einsetzende Wettbewerb, der preisdämpfend wirkte.

Gesundheitsökonom Professor Bertram Häusler, der die Analyse in Berlin präsentierte, warnt daher vor Schnellschüssen bei der wirtschaftlichen Beurteilung von Innovationen. Er empfiehlt, die wirtschaftlichen Auswirkungen neuer Therapien über einen längeren Zeitraum zu beobachten, ehe eine abschließende Rechnung aufgemacht wird.

Doch haben die Kassen die Geduld dazu? Die vfa-Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer hat ihre Zweifel und warnt davor, aus reiner, möglicherweise ideologisch motivierter Panikmache, die Ärzte zu verunsichern und den Patienten damit den Zugang zu neuen Therapieansätzen zu erschweren.

Tatsächlich scheint sich ein Paradigmenwechsel bei der Beurteilung neuer Therapieoptionen abzuzeichnen, der die wirtschaftliche Seite überbewertet und der den Nutzen für den Patienten in den Hintergrund drängt. Dies wäre eine bedenkliche Entwicklung. Daher sollte bei der Bilanz der neuen Hepatitis-Präparate der menschliche Faktor nicht ganz außen vor bleiben. Rund 10.000 Patienten, und damit vier Mal so viele wie noch 2013, werden seither jährlich geheilt.