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Flotte Sprüche, harte Fakten – Thomas Postina in seiner PharmInd-Kolumne im Juli 2017


Originalton: „Mit den Arzneimittelrabattverträgen haben wir schon vor zehn Jahren die Pläne der Großkonzerne nachhaltig durchkreuzt und einen gesunden Wettbewerb geschaffen“ und „einen Markt etabliert, auf dem sich kleinere Hersteller gegen große behaupten können … und wir haben ein Instrument etabliert, das GKV-weit inzwischen Beitragsgelder von 20 Milliarden Euro einsparen konnte.“ Durchgesetzt habe er das gegen eine wahre, von betroffenen Arzneimittelherstellern ausgelöste Verfahrensflut, die er offenbar als Bestätigung seines eigenen Handelns auffasst.

Auf den ersten Blick scheinen ihm die Fakten Recht zu geben: Gerechnet in Packungseinheiten unterliegen 71 Prozent aller Generika einem Rabattvertrag. Generika sichern – gemessen in Tagesdosen – 77 Prozent der Arzneimittelversorgung in Deutschland, aber verursachen – mit durchschnittlichen Tagestherapiekosten von sechs Cent – nur neun Prozent der Arzneimittelausgaben. 3,9 Milliarden Euro sparen die Kassen dank der Rabattverträge pro Jahr insgesamt. Der größte Anteil stammt aus Rabattverträgen für wirkstoffgleiche Arzneimittel, nämlich 3,3 Milliarden Euro.

Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere wird von den Pharma-Verbänden immer lauthals beklagt: nämlich ruinöseres Preisdumping, verbunden mit Konzentrationsprozessen auf Herstellerebene und Produktionsverlagerungen ins Ausland.

Den Krankenkassen sollte ins Auge springen, dass ausgerechnet der Verband, dessen Mitglieder doch nach deren Logik am meisten von Rabattverträgen profitieren müssten, am lautesten in dieses Wehklagen einstimmt: nämlich Pro Generika. Die Bilanz, die dessen Geschäftsführer Bork Bretthauer zehn Jahre nach Einführung der verpflichtenden Abgabe von Rabattarzneimitteln durch die Apotheker zieht, ist für seine Mitglieder alles andere als beruhigend: Die Zahl der an der Versorgung teilnehmenden Generikafirmen geht Jahr um Jahr zurück. Waren es zwischen 2006 und 2009 noch 26 Generikafirmen, die versorgungsstarke Wirkstoffe anboten, so hat sich die Zahl seither halbiert. Bei Ibuprofen vereinen die drei größten Anbieter mittlerweile 98 Prozent des Marktes auf sich. Mag dies bei diesem Schmerzmittel noch zu verschmerzen sein, so sind solche Marktkonzentrationen bei Antibiotika mehr als kritisch, wie sie bei immerhin vier gebräuchlichen Medikamenten erreicht sind.

Angesichts solcher Fakten wirkt folgende Aussage von Dr. Christopher Hermann wie Hohn: „Wir haben seitdem (der Einführung der Rabattverträge, d. Red.) einen Markt etabliert, auf dem sich kleinere Hersteller gegen große behaupten können.“ Dem widerspricht die bisher von vielen Krankenkassen geübte Praxis, nur einem der mitbietenden Pharma-Unternehmen den Zuschlag zu erteilen.

Dass angesichts solcher Konzentration auf ein, zwei Hersteller auch die Anfälligkeit für Lieferengpässe steigt, liegt auf der Hand, zumal sich eine Produktion in Europa bei den erzielbaren Preisen meist nicht mehr rechnet. Zwar hält Hermann solchen Befürchtungen eine Forsa-Umfrage entgegen, wonach nur bei 0,6 Prozent aller abgerechneten Arzneimittel ein Lieferversagen vorliegt, was im Vergleich zum Klinikmarkt minimal sei. Das mag in relativen Zahlen stimmen, nimmt sich in absoluten Zahlen – angesichts unterschiedlicher Marktgrößen – ganz anders aus.

Inzwischen sehen auch einige Fachpolitiker diese Rabattverträge etwas differenzierter. Leider haben sie es versäumt, daraus im März bei der Verabschiedung des Arzneimittelversorgungsstärkungsgesetzes (AMVSG) die Konsequenzen zu ziehen. Weder konnten sie sich zur Einführung einer zweijährigen Schutzphase zwischen Patentablauf des Originals und der Erstausschreibung eines Rabattvertrags durchringen, ohne die sich ein echter Wettbewerb gar nicht etablieren kann, noch stimmten sie einem Gebot zur Vergabe an mindestens drei Bieter bei Rabattausschreibungen zu.

Angesichts der bevorstehenden Bundestagswahl und der zu erwartenden langwierigen Koalitionsverhandlungen wird sich hier auch auf absehbare Zeit politisch nichts tun. Der Preisdruck bleibt, der Konzentrationsprozess geht weiter, der Wettbewerb leidet. Ob sich die Krankenkassen der Folge für ihre Verhandlungsposition bei Rabattverträgen bewusst sind?